Fifa-Korruption: Mit Geld und Mafiastrukturen die Macht erhalten

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Auch wenn dieses Interview schon einige Tage alt ist, seit seiner Veröffentlichung in der FAZ (26.06.2011), so möchte ich auf die ethische Perspektive zu den Korruptionsfällen des internationales Fußballbundes Fifa noch einmal aufmerksam machen. Das moralisch Böse tritt in Erscheinung von Funktionären und verdeutlicht damit, wie die ökonomische Welt – obwohl die Fifa ein non-profit Verein ist (!) – funktioniert.

„Die Gier des Kleinbürgers in einem zu hohen Amt“ 

Arnd Pollmann ist habilitierter Philosoph und lehrt Ethik an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Promoviert hat der fußballinteressierte Dozent am Institut für Sozialforschung der Frankfurter Goethe-Universität.

Fußball wird gern als unberechenbar beschrieben. Es gibt unsportliche und unmoralische Regelüberschreitungen, um ihn zu lenken. Was macht die Dachorganisation Fifa in diesem Gefüge so unberechenbar?
Erstaunlich ist, wie sich die Mitglieder von der autokratischen Spitze aus einfach dirigieren lassen. In erster Linie ist die Fifa ein Verein mit einer hierarchischen Machtstruktur in Form einer Pyramide. Hier wird von oben nach unten in die Breite durchregiert. Interne Legitimation beschafft sich die Führungsspitze schlicht dadurch, dass sie periodisch eine Menge Cash nach unten durchreicht. Aber das Fehlen der demokratischen Überwachungsmechanismen führt dazu, dass dieser von außen nicht kontrollierte Verein insofern unberechenbar bleibt, dass die Entscheidungen, die diese Fifa trifft, von der Willkür derjenigen an der Spitze abhängt.

Die Fifa lebt also in einem eigenen Fußball-System, das sich von der Gesellschaft abgekoppelt hat?
Sepp Blatt weist immer wieder darauf hin, dass die Fifa eine Familie ist, die zusammenhalten muss. Im Grunde handelt es sich bei der Fifa, ich würde fast sagen, um eine mafiaähnliche Organisation. So reden sonst nur die Paten oder Don Corleones in Berlusconis Süditalien. Man folgt in so einer Familie oder in der Fifa einer partikularen Binnenmoral nach eigenem Gusto. Nach außen hält man dann zusammen wie Pech und Schwefel.

Ermöglicht die Willkür der mafiösen Fifa-Welt die Korruption?
Ganz so einfach würde ich das nicht sagen. Natürlich hat die Fifa, wie die Mafia auch, einen Ehrenkodex. Eine eigene Moral, die den internen Umgang miteinander bestimmt. Der Kodex enthält für Prozesse der öffentlichen Aufklärung einen wichtigen aber fatalen Widerspruch.

Was meinen Sie mit dem fatelen Widerspruch?
Einerseits fordert dieser Ethikkodex von allen offiziellen Fifa-Mitgliedern ein integres, moralisch vorbildliches Auftreten in allen Belangen der Tätigkeit nach außen, zugleich aber auch absolute Loyalität nach innen. Das bedeutet, wer von internen kriminellen Machenschaften erfährt und diese Machenschaften an die Öffentlichkeit bringt, begeht zugleich eine familieninterne schwerwiegende Pflichtverletzung von erheblichen Ausmaßen.

Was ist daran nun korrupt?
Es gibt die Geschichte, dass Jack Warner kurz vor der WM völlig überteuerte WM-Eintrittskarten über das Reisbüro seiner Familie vertrieben hat. Da zeigt sich die Gier eines mentalen Kleinbürgers, dem man ein zu hohes Amt übertragen hat. Diese Mentalität scheint in der Fifa weit verbreitet. Sie erklärt aber nicht alles. Es müssen sozusagen strukturelle Bedingungen hinzu kommen, damit so etwas wie Korruption möglich wird.

Die jüngsten Ereignisse handelten die Bestechung Warners ab. Warum ist die Bestechung eine Eigenart der Korruption?
Was die Bestechung von anderen unmoralischen Vergehen unterscheidet, ist, dass es sich um Vorgänge handelt, die geeignet sind unbeteiligten Dritten zu schaden. Die moralische Eigenart der Bestechung besteht darin, dass es sich um Delikte handelt, die man gemeinschaftlich gegenüber Konkurrenten begeht. Also auf den ersten Blick haben wir es mit einer sogenannten Win-win-Situation zu tun.

Wann wird der Mensch bestechlich?
Bestechliche Personen zeichnen sich dadurch aus, dass sie eigentlich einigermaßen feste Wertüberzeugungen haben, aber sich dann, wenn es sich für sie lohnt, von diesen Wertmaßstäben durch lukrative Lockangebote abbringen lassen. Anderseits hängt natürlich der Druck, der auf den Charakteren lastet, immer auch von den äußeren Strukturen, unter denen beispielsweise ein Konkurrenzkampf ausgefochten wird, ab.

In der Pyramidenspitze der Fifa scheint die Konkurrenz besonders ausgeprägt. Was macht die Macht so attraktiv für die Funktionäre?
Ich habe bei Sepp Blatter das Gefühl, dass er einfach unter einem enormen Anerkennungsbedürfnis leidet und dringend Applaus braucht und sich deshalb so vermeintlich wohlwollend den nationalen Verbänden gegenüber verhält. Das ist nichts ehrenrühriges, aber es ist auch kein nacktes Machstreben. Es gibt natürlich andere. Die Streben in erster Linie nach Macht und Einfluss, nach Geld und danach sich möglichst gute strategische Positionen zu verschaffen, aus denen sie für sich und ihre Angehörigen möglichst viel heraus holen können.

Dazu würde dann Jack Warner gehören?
Nach all dem, was ich von ihm gehört habe, ja.

Machstreben, angebliche Bestechung und dennoch fehlte der Einsatz des Ethikcodes. Was ist falsch am Code, wenn er übergangen wird?
Es ist allen Offiziellen verboten, Geschenke oder geldwerte Leistungen „von Dritten“ anzunehmen. Es ist immer nur die Rede von Dritten. Das ist sozusagen in sprachlicher Lapsus oder es mag eine Eigenart sein und eine Unachtsamkeit, aber es ist dort nicht unmittelbar von Zweiten die Rede. Das bedeutet im Grunde, dass es eine interne Bestechung von Fifa-Mitglied zu Fifa-Mitglied zumindest dem Wortlaut des Kodex nach augenscheinlich nicht verboten ist. So kann man jedenfalls den Text deuten und ich würde ihn sogar so deuten.

Wo bleibt da die Vernunft?
Manchmal setzt die Vernunft im Sport auch mal aus. Das darf in einer solchen Organisation nicht passieren. Trotzdem ist es wichtig zu sagen, dass es eine Moral gibt, mit der wir von außen an diese Organisation herantreten und sie kritisieren. Eine solche Vernunftskritik bleibt bei solchen Organisationen äußerlich. Man müsste, wenn man effizient Kritik üben will, im Inneren dieser Organisation selbst ansetzten und ihr zeigen, dass sich die eigenen Mitglieder nicht an die eigenen internen Wertmaßstäbe und binnenmoralischen Vorgaben halten.

Die Ethikkommission, die von der Fifa geregelt und finanziert wird, soll diese Wertmaßstäbe überwachen. Wie kann diese Einrichtung einem ethischen Anspruch gerecht werden?
Die Ethikkommission besitzt das große Defizit, dass sie nicht unabhängig ist. Es ist aber so, dass die Mitglieder der Fifa-Ethikkommission von eben jenem Exekutivkommitee bestimmt wird, das die Kommission dann anschließend überwachen soll. Das ist in etwa so sinnvoll, als würde man die Mitglieder der Bankenaufsicht von Bankern berufen zu lassen. Dann gibt es einfach nicht nur Interessenskonflikte, sondern auch keine echte Unabhängigkeit.

Zudem muss erst jemand angezeigt werden, um letztlich vor der Kommission zu stehen.
Im Grunde müssen sich die Offiziellen selbst anzeigen oder wechselseitig anzeigen, um eine Verfahren vor der Ethikkommission in Gang zu bringen. Hier zeigt sich der Widerspruch abermals: absolute Loyalität nach innen. Wenn sie wissen, dass Sie einerseits in der Ausübung in ihrer ethisch-moralischen Pflicht integren Wohlverhaltens jemand anzeigen müssten, Sie mit dieser Anzeige aber eine weitere ethisch-moralische Selbstverpflichtung, nämliche absolute Loyalität, verletzten, dann sind Sie zerrissen und wissen natürlich nicht, was Sie tun sollen.

Wie sollte die Ethikkommission beschaffen sein?
Grundsätzlich zeigt sich hier ein Besorgnis erregender Trend, den man auch von anderen Ethikkommissionen kennt. Nie sitzen, zumindest wenn sie Publicity trächtig sind, echte ethische Bedenkenträger, das heißt professionell ausgebildete Ethikerinnen oder Ethiker in so einem Gremium. Meistens beruft man vermeintlich Weise oder eben Fachexperten auf allen möglichen Gebieten, nur eben nicht auf dem Gebiet der philosophischen Ethik. Oder im Fall der Fifa von ehemaligen Fußball-Profis.

Die Kommission muss also auch unbedingt unabhängig von den Statuten der Fifa sein?
In den Statuten müsste eine unabhängige Ethikkommission von der Fifa eingerichtet werden, deren Mitglieder eben nicht vom Exekutivkommitee selbst berufen werden, sondern von unabhängigen Personen. Dafür müsste man sich ein Modell überlegen.

Wie kann die Unmoral der Fifa noch unterbunden werden?
Jede Organisation hat schwarze Schafe. Die Fifa weist keine Transparenz in dem Sinne auf, dass all diejenigen, die von den Entscheidungen von dieser Organisation betroffen werden, auch einigermaßen Einblick in die Entscheidungen haben, wie sie denn getroffen werden. Es wäre unglaublich wichtig die jüngsten Skandale tatsächlich zum Anlass zu nehmen, um für mehr Transparenz zu sorgen.

Was sollte mit den schwarzen Schafen passieren?
Um das verloren gegangene Vertrauen in die Institution wiederzuerlangen, sollten diejenigen, die sich eines Fehlverhaltens überführen lassen, konsequent bestraft, suspendiert und aus dem Verband ausgeschlossen werden. Erich Kästner hat mit dem Blick auf die Moral gesagt „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Damit meint er, reden über Moral ist schön und gut, aber wenn daraus nichts folgt, das heißt unter anderem auch die Sanktionierung von Misstätern, dann ist das alles nur leeres Geschwätz.

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