Hinter den Kulissen: Internationale Sportförderung

Namibia ist eines der Länder, welches von Deutschland im Interesse der internationalen Sportförderung unterstützt wird. Doch weitaus mehr Länder werden mit diesem weltweiten Engagement bedacht. Den Segen erhalten diese Projekte jedoch nicht allein wegen der lächelnden Kindergesichter.

Namibia – karg und trocken. Ein Land, das von seinen Einwohnern unter anderem „the land of wide open spaces“ (http://elemotho.com/) genannt wird. In seiner Weite erstreckt es sich von Südafrika bis Angola am Atlantik entlang. Eine große Fläche, die nicht weit über zwei Millionen Menschen bevölkern. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, der Alkoholkonsum ebenso. Gering sind indes die möglichen Transportvehikel, die die langen, einsamen Distanzen zurücklegen sollen. Oft gibt es nur die eigenen Füße oder Eselkarren, die sich fortbewegen, um ein Ziel zu erreichen. Inmitten des Landes, dort wo alle Straßen zusammenkommen, liegt die Hauptstadt Windhoek.

Eine Oase mit Hochhäusern, Parks, einigen Bolzplätzen und wenigen Stadien sowie Sporthallen. Ein Ort, an dem sich sportliche Entwicklungshilfe durchaus lohnt. Die administrativen Wege sind kurz, die zu erreichenden Menschen – fast ein Viertel der Bevölkerung – sind da. Solide Voraussetzungen für den Freiburger Frank Albin. Seit Oktober 2009 gibt er dem Basketballsport im
Land Struktur. Sowohl den dreizehn regionalen Verbänden als auch der National Basketball Federation (NBF) hilft er sich neu zu organisieren. Zudem sollen im nächsten Schritt Trainer und Schiedsrichter ausgebildet werden, die Jugend soll, wie er es nennt, eine „sinnvolle Freizeitbeschäftigung“ erhalten. Weg von der Straße, weg vom Alkohol. „Gerade in Namibia kann der
Sport helfen“, sagt Albin. Dafür müssen selbst erhaltende Strukturen entstehen.

Denn auch wenn Albins Projekt von zwei auf drei Jahre vom Auswärtigen Amt verlängert wurde, so ist er spätestens nach vier Jahren nicht mehr der Ansprechpartner im Land. Das Auswärtige Amt genehmigt nicht nur solche vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) organisierten Projekte, sondern finanziert sie auch. 140.000 Euro von den Steuerzahlern erhalten die
sogenannten Langzeitprojekte jährlich. Insgesamt beträgt der Etat für die internationale Sportförderung in diesem Jahr 4,7 Millionen Euro. Während der Bankenkrise 2009 waren es noch 5,35 Millionen.

Für den Bund der Steuerzahler ist dies eine Summe, die der Staat durchaus einsparen sollte. „Wir möchten, dass die Nettokreditaufnahme gesenkt wird, um den Steuerzahler zu entlasten, damit er nicht so horrende Zinsen zu zahlen hat“, erklärt Matthias Warnecke, der die Abteilung Haushalts- und Finanzpolitik leitet. Besondere Kritik erhalten die Projekte in
Schwellenländern wie China oder Indien. Der Bund der Steuerzahler fragte sich deswegen: „Muss das sein?“ Eigentlich ist die Frage überflüssig, da die deutschen Kurzzeitprojekt von zwei Wochen das letzte Mal 2008 stattfanden. Im selben Jahr unterzeichneten Wolfgang Schäuble und der chinesische Sportminister Liu Peng sogar eine „Absichtserklärung“, um die Kooperation in den Bereichen Spitzen- und Breitensport, Sportmedizin und Sportwissenschaft zu fördern. Die Kritiker an den Steuerausgaben achten auf Fakten und Zahlen, nicht aber auf dem Mehrwert des Sports.

Als vor 50 Jahren der erste Mann, Rudi Gutendorf, auf Anfrage des tunesischen Staatspräsidenten Habib Bourguiba gesandt worden ist, begann die traditionsreiche Förderung. Die Bundesrepublik reagierte schnell auf Bourguiba, da sie die ostdeutsche Konkurrenz in diesem Rennen besiegen wollte. Denn an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig pflegte die DDR bis zum Mauerfall ein ähnliches Ansinnen. Etwa 3.700 ausländische Studenten aus über 100 Ländern beendeten das  Studium an der Sporthochschule mit einem Diplom in der Hand. Die ausgebildeten Exilanten sollten anschließend die eigens erfahrenen kommunistischen Gedanken mit nach Hause nehmen und damit die Beziehung zur Sowjetunion stärken.

Gutendorf sollte die favorisierte Mannschaft des Oberhauptes Tunesiens trainieren. Das tat der Pionier wohl so gut, dass sich die Länder der Welt gern beim DOSB vorstellten. Bis heute hält sich eine hohe Nachfrage nach deutschen Experten. „Fußball ist und bleibt eine deutsche Kernkompetenz“, erläutert der Referent für die Langzeitprojekte beim DOSB Johannes Curtius. Nachdem die Länder ihre Anfrage gestellt haben, können Kurzzeitprojekte zwischen zwei Wochen und vier Monaten folgen. In dieser Zeit erkundet ein deutscher Experte die vorhanden Strukturen, kommuniziert mit dem Nationalen Olympischen Komitee, den einzelnen Sportverbänden oder auch mit Schulen.

So war es auch bei Albin. Drei Monate war er ein Jahr vor Projektbeginn vor Ort. Der Report über seine Ergebnisse und seine Idee überzeugten das Gremium aus DOSB, Auswärtigem Amt und Deutschen Basketball Bund. „Sein spielerischer und musikalischer Ansatz mit den Kindern hatte uns überzeugt. Wir ahnten, dass es einschlägt“, weiß Katrin Merkel, die DOSB-Ressortleiterin für Internationales, von der damaligen Sitzung noch zu berichten. Damit hatte Namibia neben dem Fußballprojekt eine weitere Sportentwicklungshilfe über einen langen Zeitraum im Land. Zwei von heute elf Langzeitprojekten in der Reihe der über 1400 internationalen Engagements.

Seit 2008 setzt der DOSB den lokalen Fokus auf Afrika aufgrund der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika im letzten Jahr. Mit der Frauen-WM dieses Jahr wurden ab 2010 zusätzlich neben der Jugend auch die Frauen im Sport insbesondere im Fußball wie in Afghanistan gefördert. Vorurteile sollten gemindert, Minderheiten integriert und Werte vermittelt werden, heißt es im Sportbericht des Deutschen Bundestags vom letzten Jahr. Doch Albin mag diesen „Automatismus“ nicht. Er plädiert dafür, dass der Sportler etwas für den Sport tun müsse, um positive Effekte hervorrufen zu können.

Albin inmitten einiger Kids der BAS. Frank AlbinCIMG5559

Ehrenamtlich begleitet er die von ihm gegründete Basketball Artist School (BAS), an der sich nachmittags ausgewählte Kinder nach der Schule im Township Katutura treffen, um von ihm trainiert zu werden. Namibische und auch deutsche Praktikanten lernen aber zuvor noch mit den 20 bis 24 Grundschülern. Mit diesem Konzept werden ihnen neben dem bildenden Anspruch Werte wie Disziplin, Pünktlichkeit, Respekt oder Zielstrebigkeit, noch bevor der organisierte Breitensport beginnen kann, vermittelt. Die Praktikanten sind dabei Vorbilder. Sie bedeuten den Kindern, wie wichtig die Tugenden und die Arbeit sind. Ester Hilundwa gehört von den ersten Minuten an zur BAS und bestätigt den positiven Effekt: „Der Sport ist wichtig, weil er die Gemeinschaft und Menschen unterschiedlicher Kulturen zusammen bringt. Basketball bringt das Talent der Kinder hervor und dabei lernen die Kids auch weitere ihrer Talente kennen.“

Auf solche Beobachtungen sind die Experten und die Auslandvertretungen angewiesen. Der DOSB verlangt Berichte von ihnen, um die Situation zu verdeutlichen. „Wir müssen stark auf diese ungeschminkten Berichte vertrauen“, sagt Curtius, denn nur dann könne über eine Verlängerung oder einen (erfolgreichen) Projektabschluss entschieden werden.

Das Auswärtige Amt wirbt mit dem Mehrwert des Sports – vor allem in diesem runden Jubiläumsjahr: Konfliktbewältigung, Gesundheitsbewältigung, Integration von Minderheiten und Frauen, Förderung der außenpolitischen Ziele und Interessen Deutschlands zählen dazu. Merkel, Albin und Curtius warnen jedoch vor sportpolitischem Interesse und zu hohen Zielen. Insgesamt trügen die Projekte zum Aufbau bilateraler Beziehungen bei, sagt Merkel. Doch Curtius räumt ein, Sport sei in diesem Sinne keine „Friedenstaube“.

Weißes Täubchen oder nicht – wichtig für die Bundesrepublik ist, dass das eigene Ansehen glänzt, dass sich die Sportnation als Expertennation – vorrangig im Fußball – präsentieren kann. Und vielleicht hilft diese Glorie bei einer der nächsten Vergaben eines weltweiten Großereignisses, um Wählerstimmen pro Deutschland zu erhalten. Den spendablen und oft unwissenden Steuerzahlern (ob der Verwendung seiner Abgabe) wäre dies ungeachtet weiterer Kosten nicht zu vergönnen.

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