„Zweifler haben mich schon immer motiviert.“

Größe allein macht keinen großen Spieler. Mit viel Herz und Willen spielte sich Achmadschah Zazai letzte Saison in die Herzen des Chemnitzer Publikums in der ProA. Nun erhält er abermals die Chance, sich in der BBL zu profilieren, und dieser Gelegenheit folgt großer Hunger.

„Hier chillen die Leute also?“ Ja, genau. Kaum zu glauben, wie oft hat er nur wenige Meter entfernt von der Prenzlauer Berg-Idylle die Tür zur Max Schmeling Halle (MSH) geöffnet, hat den Pfad schon im Augenwinkel wahrnehmen können? Und doch war er nie hier. Jedenfalls kann er sich nicht daran erinnern. Wir folgen dem grau melierten Weg aus Kopfsteinpflaster, der im Gegensatz zum buckligen Relief schnurgerade an den Grünflächen vorbei durch den Mauerpark führt. Etwa in der Mitte biegen wir rechts ab und setzen uns ins trockene Rasenbeet – unweit vom betonierten Playground. Die Korbanlage auf dem spröden Grau des Platzes ragt einsam in die Höhe. Bis auf vereinzelte dürre Bäumchen übertrumpft ihn nichts. Der ein oder andere geworfene Ball vielleicht, wie heute.

Drei jüngere Typen versuchen sich darin, den Ball in den Korb zu befördern. Nur gut, dass sie sich dilettantisch anstellen, so kann es bei Achmadschah Zazai kaum kribbeln. Noch recht wortkarg beobachten wir die Wurfversuche. Wenige Worte ertönen, schon fast waltet Stille zwischen den einzelnen Sätzen unseres holprigen Gesprächs. Mittendrin der sonst so quirlige ChaCha, der seine bedachte und ehrliche Persönlichkeit präsentiert. Nein, er sei wohl keine 1,77. „Die Amis machen sich immer größer. Da hab ich das auch gemacht“, gibt er zu und fügt mit einem kleinen überlegenen Lächeln hinzu, dass er auf 1,75 tippe.

Für viele war und ist er zu klein im Sport der Riesen. Dazu zählte auch Sven Wehrmeyer. Coach Wehrmeyer und Zazai hatten unterschiedliche Auffassungen von der Rolle des lebenslustigen Point Guards bei Albas einstigem Farm-Team TuS Lichterfelde. Er wollte mehr, wollte wie die Kollegen, mit denen er vor dem Abstieg in der zweiten Liga spielte, eine geregelte Bindung an den Mutterklub Alba. „Wenn man mir einen Vertrag gibt, dann bleibe ich gern, aber Regionalliga zu spielen, war für mich kein Schritt nach vorn“, schüttelte er den Kopf.

Würden wir nicht den bewachsenen Hügel vor Augen haben, hätten wir freien Blick auf die MSH, die alte Wirkungsstätte des legendären Berliner Vereins, den es aus Charlottenburg in den szenischen Kiez des Prenzl`bergs zog. Aufbruchstimmung war das damals in den frühen Neunzigern. Zazais Augen wandern immer wieder in die Richtung der Erinnerungen, während er spricht.
2005 kehrte er den großen vier Buchstaben unzufrieden den Rücken zu, um selbst aufzubrechen.

Er weiß zwar nicht mehr genau, wann er zu TuSLi ging, aber alle folgenden Stationen und Daten nennt er ohne müßig darüber nachzudenken. Er redet über die Vereine, die Abschnitte seines Werdegangs, über Höhen und Tiefen. Die Worte reihen sich aneinander, die Sätze fließen nun dahin. Wenn auch weniger belustigend als gewohnt, so doch ohne Ende. Nachfragen bremsen ihn für wenige Augenblicke. Schweigemomente kenne er nur im Training und im Spiel. Dann lege er den Schalter um, problemlos, und das sei schon immer so gewesen.

„Ich gehe immer nach dem Sportlichen. Von TuSLi nach Braunschweig zu wechseln, war die beste Entscheidung“ und ein Jahr später in Ludwigsburg „sah es in der Vorbereitung gut aus, wie bei allen meistens“, rekapituliert der Berliner die Bruchstelle in der Vita. In beiden Vereinen war er mit einer Doppellizenz ausgestattet. Die Erwartungen waren seinerseits hoch an Ludwigsburg. Er war ungeduldig, wollte spielen, sollte es aber nicht, zumindest nicht in der BBL. „Da habe ich, glaube ich, einen Fehler gemacht, indem ich keinen Zwei-Jahres-Vertrag unterschrieben habe. Noch ein weiteres Jahr auf der Bank zu sitzen, gefiel mir aber nicht.“

Seine Mimik zur kommunizierten Erfahrung verrät, dass es nur noch bergab ging. Große Enttäuschungen zeichneten ihn. 2007 in Bremen „ging alles drunter und drüber. Das habe ich nicht ausgehalten“ und deswegen suchte er einen harmonischen Ausklang, den er in der ersten dänischen Liga fand. In München dachte er sich nach einem guten Saisonstart, „ich spiele die Saison zu
Ende, auch wenn ich unglücklich in der Situation bin“. Aber warum unglücklich? Der Coach sei es wohl gewesen. Er engagierte immer wieder neue Spieler und die anderen, darunter auch Zazai, bekamen keine weitere Spielzeit. Selten nennt ChaCha Namen. Wie gesichtslose, unpersönliche Figuren degradiert er einige Weggefährten, zu denen ihm damals und heute noch der Bezug fehlt.

Ähnlich wie er diese Statisten seiner Karriere betrachtet, wurde auch er immer wieder abgestellt, in Quakenbrück unter Thorsten Leibenath beispielsweise zu einem Trainingspartner. Flavio Stückemann verletzte sich in der Vorbereitung 2009, Zazai zählte für drei Monate zum Aufgebot. Das Magazin Kicker spendierte ihm im Sonderheft zur BBL-Saison unter den Rubriken des kleinsten und leichtesten Spieler der Liga bebilderten Raum. Das Training bekäme eine bessere Qualität aufgrund seiner Intensität, hätte ihm der Coach gesagt. „Aber ich mache mich nicht besser“, entgegnete er und schlug eine Verlängerung aus. Ambivalent steht dieses egozentrische Verhalten zu seiner Spielphilosophie, sich über Assists und vor allem über den gemeinsam erbrachten Erfolg zu definieren.

Was muss getan werden, um für die nächste Saison aufzufallen? Was passiert, werden die Karten neu gemischt? Solche Fragen muss sich ein Profisportler stellen. Dann könnten die wenigen Spielminuten, die falschen Entscheidungen verheerend sein. Mit diesem quälenden perspektivischen Denken ging auch Zazai weiter. Der Kleinste wanderte in die ProA nach Langen, nach Freiburg. Seine mannschaftsdienliche Attitüde half Freiburg im Abstiegskampf: 4,9 Assists und 10,4 Punkte in 14 Spielen. Im Spiel gegen Karlsruhe mussten die Freiburger auf die kranken Spieler verzichten. Einmalig kämpfte sich das Löwenherz mit zwei U18-Spielern gegen eine komplette Mannschaft durch. „Wir sind es gewohnt, zu spielen. Wenn wir einen Ball haben, dann spielen wir. Egal, ob wir auf dem Freiplatz oder in der Halle sind. Wenn du den Basketball so liebst, dann spielst du. Egal, ob du zu dritt auf dem Feld bist oder zu fünft“, beschreibt er seinen Antrieb in einer solchen Situation.

Von den drei Jungs auf dem Park-Playground, die gegen Null agierten, sind nur noch zwei mit immer weniger Wurfversuchen zu sehen. ChaCha sitzt im Park zur Seite, die nach Richtung Berlin Mitte weist. Im Hintergrund seines Umrisses ragen die Wahrzeichen Berlins empor: Der Fernsehturm und ein Baukran, der vom Dickicht der Wohnhäuser verschluckt wird. Der Schöneberger Jung erklärt, sein Vater, ein harter Arbeiter, habe ihm den Ehrgeiz vorgelebt. Nie konnte er verlieren, als Kind zwischen sieben Geschwistern nicht und heute sowieso nicht. Die Meinung anderer, er sei zu klein, er sei nicht gut genug für die BBL, potenziere seine Ambition. Dann erst recht, denkt er bei solchen respektlosen Salven.

Die Nische, die er sich wegen seiner Attitüde schaffen konnte, liegt in der aggressiven Defense, seiner Schnelligkeit, seinem unbedingten Willen, seiner Intensität, mit der er wie ein Kran aus dem Durchschnitt herausragt. Für Robin Benzing die ideale Klette. „Ich bin ein Spieler, der nie müde wird“, beschreibt Zazai seine Akkulaufzeit und bringt somit den Grund auf den Punkt, der ihn im letzten Sommer zum Trainingspartner des Nationalspielers beförderte. Der sonst im Sommer auf Freiplätzen zockende ChaCha schwärmt von seiner ersten professionellen Offseason.

„Unter Sevtislav Pesic zu trainieren ist Gold wert“, sagt er mit dem Blick gen Halle gerichtet, zieht die Augenbrauen hoch und berichtet mit einem Grinsen von diesen zwei Wochen Ehre. „Das Training ging immer weiter. Nach zweieinhalb Stunden gab es eine Trinkpause und er sagt ‚weiter‘. Ich guck Robin an, Robin guckt mich an“, 33 Zentimeter nach unten, „und ich sag so:
‚Robin, Alter, wir müssen da durch‘.“ Benzing bereitete sich auf das Treviso-Camp vor und genoss mit seinem Herausforderer auch Einheiten unter Emir Mutapcic und Milan Pesic. „Jedes einzelne Wort setzt sich bei dir in den Kopf ein und du versucht es dann so zu machen“, beschreibt er nach dem richtigen Bild suchend die inspirierende Zeit, die ihn für die Saison in Chemnitz vorbereitete.

Selbstbewusst ging er in die sächsische Stadt mit der ihm zugesicherten Führungsrolle. Die Verantwortung sei der „Reizpunkt“ gewesen. Trainer Torsten Loibl vertraute ihm, gab ihm die Chance, sich in der ProA zu bewähren. Voller Respekt spricht er von seinem ehemaligen Coach, der ihm die japanische Mentalität des positiven Denkens und der emotionalen Balance eintrichterte. Auf diesem grünen Fleckchen Erde sitzt er gelassen, redet rational darüber, dass er ein emotionaler Spieler sei, der sich im letzten Jahr mit einem sehr großen Schritt entwickelt hätte.

Nein, der Erfolg mit Chemnitz sei eigentlich keine Überraschung gewesen. Intern hätten alle bilanziert, dass viel mehr als Mittelmaß am Saisonende herauskommen würde. Die Teamchemie sei einzigartig gewesen und jedes Training intensiv wie ein Spiel. „Jeder wollte gewinnen, die weiße gegen die schwarze und die schwarze gegen die weiße Mannschaft. Wir waren
Siegertypen“ oder „Kämpfer“, wie Loibl es nannte. Gewinnercharaktere und Stimmungsmacher, allen voran der Point Guard, der seine Spieler auch zur Ordnung rufen konnte.

Alles sei stimmig gewesen in der letzten Saison. Er bedauere die Entscheidung gegen Chemnitz ein wenig, aber er müsse für sich die sportliche Perspektive suchen, gesteht der 24-Jährige mit leicht hängendem Kopf. „Das System von John Patrick liegt mir zu 100 Prozent“, hebt er die Lautstärke und sogleich das motivierte Gesicht. „Solche Chancen sind wie für mich geschaffen.“ In Ludwigsburg sei er nicht reif genug gewesen, aber jetzt schon. „Diese Saison kann was Großes werden“, dafür habe er sich abermals durch den Sommer gequält.

Einsam sitzt sein Ball wie ein Fahrgast, der die nächste Station ersehnt, auf dem Rücksitz des Würzburger Leihwagens. Abfahrt vom Mauerpark, von der MSH, dem perfekten Weg nach Schöneberg, den er vom einstigen Trainingskollegen Misan Nikagbatse übernommen hat, folgend, nichts ahnend, dass er das Konzept von Coach Patrick zwar spielen kann, aber nur selten die Gelegenheit bekommen wird. „Inspirierend“ sei Zazais harte Arbeit ohnehin, im Fastenmonat Ramadan aber insbesondere, lobt Patrick noch während der ersten Woche in Würzburg. Viel Parkettzeit gesteht er ihm in den Vorbereitungsspielen nicht.

Doch ChaCha will diese Minuten unbedingt, will seine streng mannschaftsdienliche Philosophie in der BBL ausleben. Er einigt sich mit Würzburg – und mit Gießen. Wie in diesem Sommer und wie zu alten Zeiten mit Alba darf er neben dem Freund Nikagbatse trainieren und soll nun auch mit ihm in Gießen auflaufen. Bereit ist er für die Verantwortung in der BBL. Ist die BBL auch bereit für den unberechenbaren Zazai?

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