Von Diktatoren und Demokraten

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In einem Quader aus den quer verwobenen Eckpunkten Professionalisierung, Zeitgeist, subjektive Ziele und Individualität hat sich eine Trainermentalität im deutschen Basketball entwickelt, die dort anknüpft, wo der Faden der Diskussion schon abgerissen war. Ein kleiner Einblick in die Quadratur des Kreises.

Wir brauchen deutsche Spieler, deutsche Gesichter für Identität in der Liga. Seit einigen Jahren schallt dieser Kanon in unterschiedlichen Tonlagen durch die öffentlichen Lautsprecher. Inzwischen ist die Botschaft angekommen und wird derweil erfolgsversprechend bearbeitet. Schleichend und ohne deutliches Lamenti veränderte sich nebenher eine weitere Position im Mannschaftgefüge, wie der heute Sportdirektor des FC Bayern München, Marko Pesic, im Lumani-Blog schon Ende 2009 erkannte: „Wir haben heute insgesamt 8 deutsche Trainer in der BBL!!! Ich glaube das ist die höchste Anzahl der deutschen Trainer in der BBL in den letzten 10 Jahren.“

Diese Saison finden wir elf deutsche Trainer und bis auf Muli Katzurin sind die anderen quasi eingedeutscht. Predrag Krunic, Igor Perovic und die Amerikaner sind dem Land, in dem sie teils spielten, treu geblieben. Das ermöglicht ihnen Vorteile. Sie haben sich mit dem Basketball hierzulande entwickeln können, haben das Potential und die Arbeitsmoral, sogar die Sprache kennengelernt. Anders als bei „Gastarbeitern“ eröffnet ihnen der Arbeitsmarkt kontinuierliche und feste Projekte. Kurzum, sie sind Teil unserer stetig wuchernden Gemeinde. Henrik Rödl, Coach der TBB Trier, sieht darin eine „schöne Entwicklung, die durchaus ihren Wert hat“.

An einer Stelle ist dieser Wert von besonderer Art: Alle Trainer versuchen mit ihrem Team das atmosphärische Band zum Publikum zu spannen. „Ich möchte möglichst viel Identifikation erreichen“, erklärt Ulms Trainer Thorsten Leibenath und bestätigt damit, was auch Gordon Herbert und Muli Katzurin oder Chris Fleming predigen. Ein großes Wort, das fast schon inflationär benutzt wird. Identität mit dem Sport, mit der Liga, mit dem Team und letztlich mit dem Verein in zwei Dimensionen, denn neben den Zuschauern sollen sich auch die Spieler und die Trainer mit all den Attributen des professionellen Betriebs beruflich und menschlich verbinden.

Zweiter Frühling des deutschen Basketballs

Es ist der zweite Frühling des Basketballs nach der Wiedervereinigung, denn es gelten eben nicht nur die Siege eines Teams. Anfang der Neunziger schwappte mit den Erfolgen des Dream Teams bei Olympia 1992 und der deutschen Nationalmannschaft  bei der EM ein Jahr später sowie dem aufregenden Hype der NBA die erste infizierende Welle nach Gesamtdeutschland. Aus dieser professionell organisierten Generation schlüpfen die Spieler aus ihren Shorts und Trikots in Zweireiher und bringen nun ihre Identität stiftende Popularität und Verve abseits des sichtbaren Spielgeschehens ins System.

In vielen Vereinen kann vor allem wegen dieser ambitionierten Ehemaligen die Jugend verstärkt gefördert werden. Sie leben vor, wofür die Jugendlichen arbeiten. In Göttingen, in Trier, in Ludwigsburg, in Hagen oder in Bremerhaven – sie alle schaffen den aufstrebenden Talenten Möglichkeiten in den Erstliga-Teams. Dem gegenüber stehen die erfolgsorientierten Vereine, die ihre Ziele in den Playoffs oder der Meisterschaft verorten, die sich Entwicklungsbedürftige nicht erlauben können. „Alle müssen erfolgreich sein. Egal in welchem Verein sie tätig sind“, verhindert Rödl eine konsequente Scherenbetrachtung, differenziert aber, dass sich beispielsweise Trier eine Nische gewählt habe, die andere Pläne verfolge als beispielsweise die Konkurrenz in Berlin.

In der einstigen Heimat Rödls kann dem nur beigepflichtet werden. Die Belastung, vor allem aber auch der Erwartungsdruck sei in Berlin enorm, erklärt Teammanager Mithat Demirel. Wichtig ist jeder Sieg, jeder erfolgreiche Abschluss. Das Team muss als solches in einem erfolgsorientierten System funktionieren. Deswegen ist der Führungsstil des Trainers, ob brachial oder mental, ob autokratisch oder motivierend, hintergründig relevant. „Alle drei Trainer [Luka Pavicevic, Muli Katzurin, Gordon Herbert] nutzen Hauptsätze, es gibt keine Diskussionen. Das Training ist hart, um das Maximale aus den Spielern herauszubekommen“, beschreibt Demirel die Szenerie und attestiert sogleich die ähnlichen Stile der Trainer der letzten zwölf Monate in Berlin.

Damit beginnt etwas, das die Trainer-Sparte entzweit. Vor einigen Jahren noch wurde größtenteils durch Leistung und Siege, durch Druck und Anheizen motiviert. Über diese eher aggressive Art, die im Eishockey ihre Zuspitzung findet, sind viele Trainer hinweg. Michael Koch (Foto), Andreas Wagner (ehemals Bayreuth), Doug Spradley oder Stefan Mienack versuchen es ähnlich wie Leibenath mit positiven Worten. Wagner gilt als Motivationskünstler, Mienack und Leibenath motivieren aus einem ausgewogenen Verhältnis aus positivem Zureden und direkter Kritik; der Sportpsychologe Gordon Herbert weiß genau, welche motivierenden Worte er für das aufzuwertende Selbstvertrauen der Spieler nutzen muss. Ein allgemein bekanntes Konzept sieht vor, dass Spieler erst für ihre Stärken gelobt und daraufhin ihre Schwächen angesprochen und angegangen werden. Zwischendurch ist immer wieder der Streichler erforderlich.

Zwischen Demokrat und Diktator

(weiter auf: http://crossover-online.de/BBL/Basketball-in-Deutschland/Von-Diktatoren-und-Demokraten_10449.html)

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