„Ich bin immer noch Panathinaikos-Fan“

Seit 2005 hält Bonn an Chef-Trainer Michael Koch fest. In erfolgreichen und in tragischen Zeiten. Einer der erfolgreichsten deutschen Basketballspieler philosophiert im Gespräch darüber, dass man nicht an der Vergangenheit festhalten sollte, auch wenn sie noch so schön war, und dass die Entwicklung auch für ihn nie aus bleibt.

JE: Herr Koch, wenn Sie die letzten 40 Jahre an sich vorbei ziehen lassen, wie zufrieden fühlt sich das an?

Michael Koch: Dann bin ich sehr zufrieden. Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht. Früher als Spieler hat meine Karriere nie mit dem Ziel begonnen, dass man Profi-Basketballer wird und damit sein Geld verdienen kann. Das hat der Lauf der Zeit ergeben. Dann in das Traineramt zu wechseln und weiterhin mit dem Basketball beschäftigt zu sein, ist für jemanden, der den Sport so mag, optimal. Auch wie die Karriere für mich als Spieler und als Trainer verlaufen ist, war sehr positiv. Von daher bin ich sehr glücklich.

Sehr positiv war die letzte Saison indes nicht, als Bonn die Saison als 13. der Tabelle beendete. Unzufriedenheit, Fassungslosigkeit. Was lief schief?

Das ist eine Situation, die eintreten kann. Die Mannschaftszusammenstellung ist fast wichtiger als das tägliche Training, also die richtigen Charaktere zu finden, eine Mannschaft zu finden, die als Einheit funktioniert, wo jeder sein Ego zurückschraubt. Im letzten Jahr haben wir das nicht geschafft. Das ist etwas, das ich mir ankreiden muss. Man kann nicht bei jedem in den Kopf reingucken. Man kann sich mit ihm unterhalten. Aber was denkt er wirklich, wie funktioniert er, wenn er drei oder vier Spiele in Folge verliert? Dann wechseln die Charaktere oft, dann merkst du, dass Spieler ganz anders funktionieren und denken.

Es gab aber sicher auch Tage, an denen Sie als Spieler unzufrieden waren. Wie sahen diese aus?

Frustrierend. Aber es ist ein schnell lebiges Geschäft. Was Vergangenheit ist, ist Vergangenheit. Das ist ganz wichtig. Man kann nicht lange der letzten Leistung, dem letzten Spiel nachtrauern. Klar tritt man auch mal gegen die Bande oder ist sauer. Die Emotionen gehören dazu. Als Profi muss man das so schnell wie möglich abhaken und wieder nach vorne schauen.

Können Sie sich auch an solche Szenen erinnern?

In Griechenland im Pokalendspiel, als ich dann plötzlich wenig gespielt habe und wir verloren haben. Dann fängst du schon an zu zweifeln. Bin ich noch gut genug? Habe ich heute alles verkehrt gemacht? Warum habe ich so wenig gespielt? Warum haben wir das Spiel verloren? Da kommen all diese Fragen nach dem Spiel oder nachts. Man kann dann nicht so gut schlafen oder ist eben noch aufgewühlt aufgrund der Situation.

Was musste für den Spieler Koch zusammenfließen, um zufrieden zu sein?

Zu allererst meine eigene Leistung. Wenn die eigene Leistung nicht stimmt, dann ist man oft mehr frustriert, als wenn die Leistung der Mannschaft nicht stimmt, und man selber ein ganz gutes Spiel hat. Dann kann man noch das Positive für sich selbst rausholen. Aber wenn man eine schlechte Leistung gebracht und die Mannschaft auch noch verloren hat, dann ist das das schlimmste Szenario. Das sind so die schlimmsten Situationen für einen Spieler im Mannschaftssport, bei denen er anfängt, an sich zu zweifeln.

Inwiefern war der permanente Rückhalt der Familie an guten wie an schlechten Tagen hilfreich?

Das ist schon was anderes. Wenn du nach einem beschissenen Training oder Spiel nach Hause kommst und die Familie wartet auf dich, lässt es dich schneller in den Alltag zurückfinden, schneller auch über das hinweg sehen, was gerade im Spiel oder im Training passiert ist. Wenn du einen festen Rückhalt hast, hilft das schon enorm. Wenn du als Legionär im Ausland spielst, hast ein Spiel schlecht gespielt, sitzt allein auf dem Sofa, dann geht das Grübeln weiter.

Welche Zweifel kamen bei Ihnen trotz des Rückhalts, trotz einer frühen intensiven Förderung auf?

Als Jugendlicher geht man eigentlich von Tag zu Tag. Man hat Spaß, man spielt, man versucht sein Bestes. Ich habe die Hessenauswahl und das komplette Programm beim DBB durchlaufen. Das gibt einem ein gewisses Selbstvertrauen als Jugendspieler. Große Zweifel hatte ich erst, als ich in Gießen professionell zu spielen angefangen hatte, in meinem ersten Jahr. Das war noch ein bisschen durchwachsen. Im nächsten Jahr musste ich mit 18 schon in die erste Fünf als Aufbauspieler, weil kein anderer da war. Das hat mir gezeigt, dass ich das Potenzial habe, in dieser Liga eine gute Rolle zu spielen.

Positive Resultate für die Statistiken blieben bis 1988, als Sie mit Bayreuth den Pokal gewonnen hatten, erst noch aus. Was hat Sie in dieser Phase sicher und selbstbewusst gemacht?

Man muss immer hart an sich arbeiten. Man bekommt kein Selbstvertrauen und keine Motivation von anderen. Das ist das allerwichtigste für einen Spieler außerhalb der Mannschaft. Er muss sich immer wieder selbst motivieren können, zu jedem Training, zu jedem Spiel mit der richtigen Einstellung gehen. Das war etwas, was ich konnte. Ich war als Spieler sehr ehrgeizig und verbissen. Ich konnte nicht verlieren. Ich war oft negativ, wenn wir verloren haben, aber ich habe es immer geschafft, am nächsten Tag nach einer Niederlage oder beim nächsten Spiel hundert Prozent zu geben.

Wie entstand dieser innere Antrieb, dieser Ehrgeiz?

Das kann man nicht jedem einimpfen. Das ist bei jedem Spieler verschieden. Der Charakterzug war bei mir als Spieler enorm hoch. Wenn man dann etwas gewonnen hat, wie wir in Bayreuth Pokale und Meisterschaften gewonnen hatten, wenn du das mal erlebt hast, wie das ist, wenn du ganz oben stehst, wird der Ehrgeiz noch größer. Das willst du noch mal und noch mal erleben.

Das hat sich wahrscheinlich in Leverkusen so sehr potenziert, dass die griechischen Vereine auf Sie aufmerksam werden mussten. Wie haben Sie die sieben Jahre in Griechenland erlebt?

Für mich und für die Familie war es eine super Zeit, auch wenn es einige schwierige Phasen gab. Wir sind am Ende unserer Zeit aus dem Haus rausgeflogen, weil die Miete nicht mehr bezahlt wurde vom Verein. Als Profisportler in einem anderen Land zu spielen, eine andere Kultur, vor allem eine andere Mentalität kennenzulernen, ist für die menschliche Entwicklung enorm von Vorteil. Griechenland ist im Vergleich zu Deutschland ein Land, das alles eher leger sieht. „Avrio“ war das erste Wort, was wir gelernt haben. „Morgen“, aber morgen heißt nicht morgen, sondern in einer Woche und dann kommt statt der Spülmaschine die Waschmaschine.

Die mediterrane Gelassenheit. Was davon haben Sie nach Deutschland mitgenommen?

Ich habe einiges mitgenommen. Es funktioniert nicht, wenn man mit der deutschen Pünktlichkeit oder Genauigkeit versucht, seinen Weg durchzudrücken, sondern man muss den Weg annehmen, den die Griechen gehen. Das war sehr interessant. Man kann daraus lernen, dass es in anderen Ländern auch funktioniert, aber mit einer ganz anderen Einstellung, dass es auch einen anderen Weg gibt, dass man da und dort was abtun kann. Das kann einem ganz gut tun.

Die Guard-Position, besonders die des Point Guards, gelten als mangelhaft besetzt. Deutsche Spieler sind oft überfordert. Sie verkörperten das Gegenteil, auch im internationalen Vergleich. Woran könnte es liegen, dass die Deutschen keine Qualität mehr auf diesen Positionen hervorbringen?

Während der Europameisterschaft haben die anderen Vereine mit anderen Kalibern gespielt. Griechenland mit Dimitrios Diamantidis. Ein 1,95 Meter großer Point Guard, der das Spiel versteht, der den Ball passen und selbst Akzente setzen kann. Auf der Point Guard Position ist schon seit Jahren ein kleines Loch in Deutschland. Selbst zu meiner Zeit. Wir hatten Kai Nürnberger in der Nationalmannschaft, aber das war auch der Einzige. Es gibt immer zwei, drei gute Spieler, aber dieser komplett ausgebildete Point Guard, der das Spiel leiten kann und das Spiel versteht, jeden einsetzen und selbst noch punkten kann, ist das, was uns fehlt.

Woran könnte es hapern?

weiter auf: http://crossover-online.de/BBL/Michael-Koch/Ich-bin-immer-noch-Panathinaikos-Fan_10552.html

Advertisements