Stühle zwischen Sitzungssaal und Spielfeldrand

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Diskussionen, Verhandlungen, Lockout – die Spielergewerkschaft der NBA-Profis wirbelt David Sterns Reglementierungen durcheinander. Das deutsche Pondon arbeitet mit geringerer Geltung an gänzlich anderen Baustellen und wird dabei höchst politisch.

19.10.2011, Berlin, Bundestag, Sportausschuss. Ungewöhnlich und unabdingbar. Der Anzug für die wichtigen Anlässe darf bei Heiko Schaffartzik an diesem Tag nicht fehlen. In das förmliche Kleidungsarrangement zwang sich der Point Guard nach dem Training. Obwohl die Zeit knapp war. Leicht verspätet findet sich der Berliner dann im Sitzungssaal mit dem Gremium aus parteiabhängigen und unabhängigen Entscheidungsträgern ein. Politische Mitsprache statt Mittagsschlaf.

Auf der Tagesordnung steht die Debatte um den Datenschutz. Nicht schon wieder, werden einige nun vielleicht denken. Aber so wie wir uns geschützt fühlen wollen vor den Augen anderer, haben Sportler ebenso ein Recht darauf. Ihr Fall ist ohnehin ein besonderer und deshalb hat sich die Spielerinitiative SP.IN in diesem Jahr Rat beim Datenschutz und Gehör in der Öffentlichkeit verschafft.

Der „gläserne Sportler“ ist ein Thema, seitdem die Nationale Anti-Doping Agentur (Nada) und ihr Oberhaus Wada von Athleten verlangen, über drei Monate ein Raum-Zeit-Kontinuum festzulegen. Wer ist wann und wo für eventuelle Doping-Tests anzutreffen. Das klingt im ersten Augenblick weniger diskutierwürdig. Für die Abgeordneten war dies zumindest noch nie ein starker Reibungspunkt, kam man an die zu einer Rundung aufgestellten Tische zusammen. Doch für die, die sich permanent dem Datenspeicher „Anti-Doping Administration and Management System“ (Adams) ausgeliefert fühlen, schon.

Vor der Kulisse aus einer gigantischen Fensterfront sitzt der eingeladene Schaffartzik zwischen Abgeordneten, einer Delegation der NADA, der Athletenkommission des Deutschen Olympischen Sportbundes und Datenschutzbeauftragten. Der Vertreter des Beirates der Nationalmannschaft verweist deutlich auf die bekannten Probleme in Schaffartzik-Manier. Ehrlich und unverblümt stellt er die prekäre Situation dar. Einen ursprünglich integren Aspekt beleuchtet er, als er darüber spricht, dass sich Sportler wegen eines homosexuellen Partners oder einer Geliebten outen müssten – allein durch die Preisgabe der Adressen, bei denen die Athleten nachts oder morgens anzutreffen seien. Das sei fragwürdig.

Genauso der Einmarsch eines Fremden in die schützenden, privaten vier Wände. „Da kommt also um acht Uhr morgens ein Kontrolleur zu dir nach Hause“, äußert er, „und wenn du gerade nicht pinkeln kannst, sitzt der eine Stunde mit dir und deiner Familie am Frühstückstisch“. Zudem verdeutlicht der Nationalspieler, wie intim die Sichtkontrollen bei der Urinabgabe sind:  „Man zieht die Hose runter und das Leibchen hoch. Und so steht man vor dem Kontrolleur.“ Neben dem Schmunzeln zu dieser ernsten Angelegenheit ziehen heitere Züge auf die Gesichter der Anwesenden.

Die tiefe Problematik sitzt in der Struktur

Auf der erhöhten Galerie, von der die Öffentlichkeit die Beiträge verfolgt, sitzt SP.IN’s Generalsekretär Jonas Baer-Hoffmann. „Überall auf der Welt wird über die Reformation des Anti Doping Systems diskutiert. Die Beschwerden der deutschen Spieler sind weit verbreitet“, klärt er in einem ergründenden Gespräch über die Brisanz auf. Eben weil die über 150 Beschwerden weit gestreut sind, haben sich die Gewerkschaften der Handballer (GOAL) und der Basketballer gemeinsame Ziele gesetzt. Sie wollen das System verbessern und die Spieler somit entlasten. Nicht jeder Meldepflichtige soll angeben, zu welchem Zeitpunkt er sich an welchem privaten Ort befindet, sondern – und das fordern die Spieler – in den sogenannten „Whereabouts“ eintragen, wo er mit dem Team am Arbeitsplatz anzutreffen ist. Das erfordert eine gewisse Kooperation mit den Vereinen. (Für die SP.IN liegt darin zugleich das faule Ei im Nest, denn seit Jahren kämpft sie um die Anerkennung  bei der  BBL.)

Außerdem fordern die Gewerkschaften die lethargische Politik auf, Druck auf die Nada auszuüben. In diesem Zusammenhang befürworten sie eine polizeiliche Einrichtung, die per Gesetz unter den berücksichtigten Persönlichkeitsrechten am Sportler und an dessen Umfeld ermitteln könne. Im Nachbarland Österreich setzte sich im August 2008 ein solches Gesetz durch. Ausführender Arm war die Sonderkommission Doping, die teils den Breiten- und Spitzensport säuberte.

Dies sind allerdings erst einmal nur Ideen. „Es gibt verschiedene Vorschläge, die auf ihre Machbarkeit hin überprüft werden müssen“, sagt Berthold Mertes, Pressesprecherin der Nada. Die nationale Agentur unterliegt nicht gänzlich dem Code der Wada, sondern passt bestimmte Artikel den hiesigen Gesetzen an. In die andere Richtung kann sie die Probleme über den Europarat an die Wada tragen. Also selektiert die Nada im Vorfeld aus. Die Sichtkontrolle bei Minderjährigen konnte auf diese Weise ausgesetzt werden. Dass sich die Meldungen in den letzten Monaten häuften, ist kein Zufall. Im nächsten Jahr soll der Code revidiert werden, 2013 eine erste Fassung entstehen, die von den einzelnen nationalen Agenturen diskutiert wird. Zwei Jahre darauf soll der neue Code in Kraft treten. Pünktlich zur EM.

Baer-Hoffmann vermisst in diesen Verfahren den Ausgleich zwischen Nada-Handlungen und einer intervenierenden Politik, zwischen den personenbezogenen und umfeldbezogenen Untersuchungen, zwischen den Stakeholdern Politik, Wirtschaft und Sport bzw. Spielergewerkschaften. „Die Balance ist komplett aus den Fugen geraten“, pikiert er sich. Deswegen fordern SP.IN und GOAL einen aktiven Austausch. Denn woher sollen die meisten Bürokraten auch die Probleme der Profisportler kennen? Sie geben sich mit Regeln der Anti-Doping Agenturen einverstanden und erlassen ein System, das den Athleten übergestülpt wird, weil die Alternativen fehlen.

Ein zähes Ringen um die Positionierung

Was bleibt den Athleten? Der binäre Code von 1 und 0, ein Vertrag mit totaler Kontrolle oder: nichts. Es erfordert also eine Gewerkschaft, die sämtliche Rechte der Arbeitnehmer kennt und stärkt – auch wenn es keine gewöhnlichen Arbeitnehmer sind. Profisportler sind mit gesonderten Rechten ausgestattet, positiver als auch negativer Konnotation. SP.IN beschäftigt sich von daher mit weiteren Themen. Juristisch, beruflich, sportlich und persönlich berät und vermittelt die Initiative ihre Mitglieder.

Johannes Herber von den Fraport Skyliners ist seit über zwei Jahren im Vorstand und ist optimistisch gestimmt: „Wir haben versucht, ein Paket zu schnüren.“ Umzugshilfe, Steuererklärung, Vertragsklauseln entziffern oder Rehaplätze organisieren zählen beispielsweise dazu. Diese organisierte Struktur ist Ergebnis vieler Auseinandersetzungen mit der BBL.

Zu Beginn stand Walter Palmer. Er sammelte Spieler wie Wendel Alexis oder Henrik Rödl ein, um über die bestehenden Konflikte zu diskutieren. Früh verfolgte Pascal Roller den regen Email-Verkehr zwischen den Aktiven, beobachtete erst und engagierte sich dann bei dem, was sich 2005 SP.IN nennen sollte. Doch die Vorarbeit sei das Interessante gewesen. „Otto Reintjes, damals noch mit Sonnenbrille und offenem Hemd“, erinnert sich der ausgediente Frankfurter, „sah die großen Wohnungen und die schnellen Autos, die die Spieler fordern würden. Die BBL wollte die Mündigkeit der Spieler nicht anerkennen. Sie redeten uns klein“. Und so ging die SP.IN mit dem ehemaligen Generalsekretär Palmer in zähe Auseinandersetzungen. Mit einem stolzen Grinsen hebt Bayerns Assistenztrainer Denis Wucherer vor, dass sie „gegen viele geschlossene Türen gelaufen“ seien.

Nicht nur gegen geschlossene Türen. So schien es sogar, als würden sie gegen Windmühlen kämpfen müssen. Die BBL verklagte die SP.IN kurzerhand, da die Initiative keine valide Gewerkschaft wäre. Mit dieser Zermürbungstaktik konnte sich die Liga aber nicht durchsetzen. „Das war eine vernichtende Angelegenheit für die BBL. Nach 20 Minuten hatte sie das Verfahren in Bamberg abgeblasen“, berichtet Roller. Während all dieser zerfahrenen Aktionen zwischen den beiden Parteien, blieben der SP.IN nur geringe Instrumente.

Peu à peu in Richtung Hoffnung

Ein Streik oder gar ein Lockout wie in der NBA, durch den Spiele ausfallen und mit dem gefordert wird, ist hierzulande nicht möglich. „Die amerikanische Spielergewerkschaft sitzt mit am Tisch. Dazu fehlt uns noch die kritische Masse, die Mitglieder“, gesteht Herber ein. Fast 250 zählt die SP.IN, davon zwischen 100 und 120 Spieler. Im Laufe der Saison treten einige Athleten ein, nach der Saison wieder aus. Daraus ergeben sich stark schwankende Zahlen. Doch für die legendären 48-Sekunden-Streiks halten sie zusammen. Wucherer bescheinigt, das „waren schon fast die radikalsten Aktionen“. Mehrere Male setzten sie die ersten beiden Angriffe des Top4 oder des All Star Games aus. Zu Weihnachten beklebten sich die Spieler ihre Schuhe mit Stickern. Ein wenig Dekoration für eine besinnliche Atmosphäre. Mit solchen Aktionen sollte Aufmerksamkeit geschaffen werden, sollte auf die Missstände hingewiesen werden. Missstände, wie einen freien Tag pro Woche, Mindestlöhne, einen Tarifvertrag oder die Aushandlung des ungültigen Standardvertrages.

Die Deutschen-Quote gehörte von Beginn dazu. Ab der nächsten Saison müssen sechs Deutsche auf dem Bogen stehen. Die Sticheleien haben sich gelohnt. Vielleicht auch weil BBL-Präsident Jan Pommer mehr Verständnis mitbringt als sein Vorgänger. Zum All Star Day berät sich Pommer beispielsweise mit den Kapitänen der Mannschaften. Das erste Meeting vor vier Jahren sei für Roller nur schwer zu ertragen gewesen. Der Umgang sei unangemessen gewesen. Inzwischen sei Pommer umgänglicher. Immer wieder proklamiert das Oberhaupt, er wolle die Liga voran bringen, die stärkste europäische Liga bis 2020 in Deutschland wissen. Ähnliches möchten auch die Spieler. Und ohne Zufriedenheit in den Reihen schafft Pommer sein Ziel wohl kaum.

Neben dem Datenschutz sind die weiten Themenfelder Tarifvertrag und Weihnachten noch offen. Zwei Bereiche, die die Vereinsebene tangieren. Zu Weihnachten vor zwei Jahren hatte sich Düsseldorf durch Spielverlegungen zwei Wochen freischaufeln können. Dazu sind die meisten Klubs aber nicht bereit. Letztes Jahr schickte die SP.IN eine Petition an die Vereine. Keine Reaktion war in diesem Fall auch eine Antwort. Dabei hatten sie 2009 schon zugesagt. Baer-Hoffmann ist empört darüber. „Ich verstehe es nicht und die Spieler können es nicht nachvollziehen“, verdeutlicht er sein Unverständnis. Statt der Weihnachtsspiele befürwortet die SP.IN einen kompakteren Spielplan. Die Vereine bestehen von der anderen Seite auf vollere Hallen. Das ehemalige Mitglied Roller kennt aber eine Statistik, die diese Annahme widerlegt.

Dieses Tauziehen juristischer, ökonomischer und moralischer Argumente dauert seit Jahren an. Über vier Jahre kennt Baer-Hoffmann nun die Arbeit der SP.IN. Vor bald zwei Jahren folgte er Palmer auf dessen Amtsstuhl und bilanziert deswegen tendenziell emotional: „Das System des Leistungssports wird immer wirtschaftlicher. Das ist es eine logische Konsequenz, wenn sich Arbeitnehmer kollektiv organisieren. Erschreckend und riskant ist nur, wenn die Gegenüber diese Organisation nicht respektieren.“

Nun steht die SP.IN zudem vor neuen Türen. Der Sportausschuss schließt die Pforten. Es werden keine öffentlichen Sitzungen mehr genehmigt. Doch auch das soll die Gewerkschaft nicht aufhalten. Sie wird wieder laut und fordert sich ihr und das Recht aller ein.

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