Post aus dem Paradies, die Erste

Während meiner Reise in mein persönliches Paradies, Neuseeland, sollte die Kolumne natürlich nicht aussetzen. Also hatte ich mich in Nelson an ein älteres Modell der Generation Computer gesetzt, die ich aus meiner Jugend kenne. Nach und nach tippte ich in der Nacht, was mir schon in Christchurch aufgefallen war.

Auf dem Balkon des Hostels genoss ich den Sonnenaufgang. Mein erster Morgen in Neuseeland, dem Land, von dem ich mein halbes Leben geträumt hatte. Barfuss im Januar. Leichte Gänshaut stieg an den Beinen durch die frühe, kühle Brise verursacht auf. Schnarchende Nasen in den Räumen hinter mir. Eine Tasse Istant Kaffee neben mir. Ringsherum das satte Grün der puren Natur. Die Hängematte zwischen den Bäumen wog leicht im Wind. Ruhe. Nur ich und mein Neuseelandtraum. Meine Ruhe. Meine Gedanken. Und diese drehten sich mal wieder um Basketball. Was ich letztlich zwei Wochen später in Nelson in die Tasten hämmerte, war in der FIVE #86 zu lesen:

„Christchurch, Akaroa, Kaikoura, Nelson, Abel Tasman Nationalpark – Neuseeland, Südinsel. Mit 15,8 Kilo auf den Schultern pilgere ich von einem Ort zum nächsten und erblicke die wahre Schönheit eines eroberten Landes. Warum ausgerechnet jetzt? Warum zu einem Zeitpunkt, an dem die Rückrunde spannend wird und sich die Teams gefunden haben? Tja, das Reisefieber packt mich regelmäßig. Und dieses Mal war es lebensbedrohlich hoch. Nach dreizehn abwägenden Jahren musste ich mich retten, meinen erkrankten Leib auf den entgegen gelegenen Erdteil verfrachten, das Delirium abwenden, um nicht mehr mit der Johnny Depp’schen Fliegenklatsche nach Fledermäusen zu schlagen. “Ich bin dann mal weg”, titelte Harpe Kerkeling einst. Worte, die den Heilungsprozess eines Backpackers initialisieren. Worte, die das Rezept für die richtige Medizin sind. Die Medizin ist simpel. Es geht um die Ferne, das Fremde, das Freudige. Es geht vor allem auch um das Wesentliche.

Wenn ich unter diesen Umständen von Reisenden und Kiwis gefragt werde, was mich dem Journalismus, was mich vor allem als so kleine Person dem Basketball so nah gebracht hat, dann erzähle ich eine Geschichte. Die Geschichte eines Mädchens, das sich mit großen Augen und offenem Mund im Kino einen großen Mann ansieht. Ich erzähle, wie dieser Mann im Trikot zwischen Zeichentrickfiguren zu sich selbst zurück findet. Wie diese Faszination zu einer Strahlkraft und diese zu einer Liebe in guten und ich schlechten Zeiten wurde. Sammelkarten, Poster, Sat1, Apathie für die Utah Jazz, insbesondere Carl Melone, und Aufregung bei diversen Sprite- und Gatorade-Spots. “Grant Hill trinkt Sprite.” Echo: “Sprite. Sprite. Sprite.” Wahnsinn!

Es folgt der erste dramaturgische Effekt: Disziplin und Enthaltsamkeit als Kind! Für ein rotes Trikot mit der Nummer 23 auf dem Rücken hält das Mädchen über Monate jeden Pfennig fest und steckt die kupferfarbenen Taler in den grün geringelten Sparstrumpf – denn ein Schwein hätte Geld gekostet. Ich erzähle vom ersten Gang in eine heilige Stätte, von den Sitzplätzen in der MSH, der Max-Schmeling-Halle im Berliner Kiez Prenzlauer Berg, dem Ort, an dem sich alles veränderte. Nino Garris ist an diesem Abend der Überflieger, Jovo Stanojevic der Bodenständige. Unter der Hallendecke ist das ganz deutlich zu erkennen. Die Arena ist voll, die Menschen jubeln stehend und Magie liegt in der Luft. Und wenn die Zuhörer gedanklich nicht schon im nördlichen Wellington sind, dann erzähle ich weiter…“

In diesem Blog möchte ich die Geschichte weiterführen und ergänze um Folgendes:

Jede Saison ließ das Mädchen wachsen, bis es kein Mädchen mehr war. Menschen verändern sich. Dinge ohnehin. Das Spiel verändert sich. Spieler gehen und kommen, Regeln werden modifiziert. Das kann gelingen. Muss es aber nicht. Abseits stehen Menschen, die fordern und verlangen – von allen und von sich selbst. Es wird gezerrt und gewerkelt. Es wird konstruiert. Bis, bis das Spiel überfrachtet ist und sich der Reiz des Spiels verliert, weil zu viele Reize entstehen. Der Kern geht verloren. Die Augen wandern ab, schweifen nach links, nach rechts, oben und unten. Menschen konsumieren, nehmen auf, was nur begleitende Hülle ist und sind in einem Event gefangen. Vielleicht fühlen sie sich angezogen von diesem Brimborium und merken nicht, wie es sie verändert. Ich erinnere mich in diesen Verstrickungen gern an Szenen, Bewegungen, an Grazien und Dilettanten, an Koryphäen, an die kleinen und an die großen Punkte – ans Spiel, als es noch Spiel war.

Advertisements