Gestutzte Flügel (aus der letzten Saison)

Wer bei Finding Forrester aufmerksam war oder sich ohnehin für deutsche Motorenbetriebe interessiert, wird den Traum der Ingenieure, den Traum der Menschheit im Markenzeichen von BMW erkennen. Und nicht nur simpel, das Auto darin sehen. Ein weißer Propeller vor blauem Himmel erinnert an den Beginn der Geschichte von Gustav Ottos Illusion. Abheben. Die Gravitation bezwingen. Dem Land unter sich davon flattern. Fliegen. „Fly like a bird“ oder „wenn ich zwei Flüglein hätt‘“ – das Thema fliegt allgegenwärtig durch die kulturellen Höhen und Täler.

Es ist so antik, dass die wahrscheinlich älteste Geschichte darüber in den griechischen Sagen vorkommt. Diese Erzählung ist wiederum so aktuell, dass sie sich reibungsfrei auf das Hier und Jetzt übertragen lässt. Zwei Männer, die sich in einem Labyrinth verirren und in den verwinkelten Schneisen stagnieren. Zwei Männer, die nicht den Pfad im Wege finden und genau dabei aufgehen. Sie sind kreativ und innovativ. Sie basteln bis sie ihre Flügel ausbreiten und somit abheben können.

Thorsten Leibenath aus Ulm und Björn Harmsen aus Gießen schnürten ihre Konstruktionen um ihre Brust. Sie wollten raus aus dem Labyrinth, in dem sich der Eine in der Bundesliga bei den Artland Dragons verlor und in der Regionalliga beim 1860 Lich fand, in dem eine erfolgslose Zeit beim MBC und eine Krankheit den Anderen in die Sackgasse zwangen.  Wie Daedalus und Ikarus in der Sage der alten Griechen schufen sie in der Not die Basis für den Flug. Die beiden jungen deutschen Trainer schwangen sich aus den Verwirrungen empor mit der überragenden goldenen Sonne im Blick. Zu schön. Zu höhenflugartig. Zu-dem wäre eine Sage keine Sage ohne aristotelischen Knall. Der junge Ikarus trotzt den Warnungen. Er will höher und höher, will die Freiheit und sogleich die Macht über die Natur genießen. Die wärmende Sonne, der er entgegen gleitet, schmilzt seine geleimte Konstruktion. Er fällt. Nicht, dass Harmsen mit Gießen besonders tief fallen würde, aber im Vergleich zum Kollegen Leibenath dann doch. Irgendwie. Die letzten Spiele bewirken im Keller die verzweifelten Flügelschläge vor dem Zerschmettern.

Hinter den beiden großen B’s in der Tabelle und mit neuer Halle sowie einer beschwingenden Atmosphäre erlebt Leibenath indes den Auftrieb, an den der Konstrukteur nie zweifelte. Er schaut sich um – Musik, Wirtschaft, Unternehmens- bzw. Menschenführung,  –, er ist flexibel, stellt sich auf seine Umgebung ein. Hitze ist ein Warnsignal. Vorsicht ist geboten. Harmsen hingegen stellt den Fokus eng und übersieht wesentliche Hinweise. Der Kleister rinnt zwischen den Federn seiner Schaffung. Trotzdem vertraut ihm Gießen. Drei weitere Jahre für Björn Harmsen. Vielleicht ist der Versuch gerade wegen des Risikos reizend. Denn wer letztendlich fliegt, ist oben, ist ein Gewinner, ein Macher, der hat seine Kompetenz bewiesen. Das nächste auftreibende Lüftchen sollte Harmsen nutzen. Was ihm dazu fehlt? Der weite Blick, der Leibenaht schützt und den er schützt. Ohne diesen könnte eine weitere Variante über Ikarus und Daedalus die kulturelle Flieger-Vielfalt bereichern.

Advertisements