Die Spree dem Volke

Links: Treptow, rechts: Friedrichshain, hinter den Drillingen am linken bzw. südlichen Spreeufer: Kreuzberg

Seit Jahren wird diskutiert, gestritten, protestiert – kurz: sich empört. Die Stadt verkaufe sich, verkaufe seine Freiräume an die industriellen Großen Spieler. „Berlin ist arm, aber sexy“ trifft in diesem Zusammenhang zu. Und dann doch wieder nicht. Wer den Stempel Kulturstadt für Party- und Medienstadt tauscht, hat das schnelle Geld auf einfachstem Weg nötig. Doch die Bauten an der Spree beweisen: Geld ist nicht sexy.

Die „Mediaspree“ ist ein Projekt aus den 1990ern, wurde aber erst nach den Nuller-Jahren professionell angetrieben. Es umfasst das 180 Hektar große Gebiet ab der Elsenbrücke in Treptow und folgt dem Fluss für etwa 3,7 Kilometer bis nach Mitte. Mehr als vier Jahre ist der Wind alt, den die Gegner zum Entern des Projekts blasen. Am 01.07.2008 blockieren Protestler die Spree und rufen zum Bürgerentscheid auf. 87 Prozent votieren gegen das Strukturprojekt. Im Jahr darauf demonstrieren etwa 3000 junge Menschen unter dem Motto „Megaspree. Die Zeit ist reif!!!“ für Vielfalt und Öffentlichkeit entlang des Ufers im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Doch die Bagger tragen die alten Betonplatten an der Stralauer Allee ab, puddeln Gräben für die Fundamente der sperrigen Architekturwerke. Die neue Halle hinter der East Side Gallery an der Verlängerung der Allee, der Mühlenstraße, ist indes längst neue Heimat der Eishockeymannschaft Eisbären und des Basketballteams Alba. Blaues Licht strahlt von ihr ab und erleuchtet den Umkreis. Ein Monitor steht an der Spree wie ein Lollipop mit rechteckigem Kopf, auf dem die Bewegtbilder locken wie süßlich-klebrige Melasse.

2010 und 2011 organisieren sich Vereine und Initiativen abermals. Die Demonstranten berufen sich auf den Bürgerentscheid „Mediaspree versenken“ der gleichnamigen Initiative von 2008. Die Bauarbeiter ziehen die Handschuhe jedoch nicht aus. Hoteleigentümer, Bürogebäude, Musikindustrie, (Mode-)Labels ziehen hinter die Fenster mit dem Blick auf den ehemaligen Osthafen. Vorbei ist die Zeit, in der man nachts verschwitzte Scheiben kleiner Autos auf dem Brachland zwischen Oberbaumbrücke und Elsenbrücke entdeckt. Was einst der breiten Masse zugänglich war, ist der Attraktivitätssteigerung geopfert worden. Allerdings (!) mit dem Postulat, die Öffentlichkeit einzubeziehen. Oder einzuladen? Zumindest vermietet der deutsche Hauptsitz von Universal Music Räumlichkeiten für Partys, das NH-Hotel bietet den Speisenden im Restaurant den Spreeblick auf die Drillinge – die löchrigen Figuren, die die Vereinigung der Bezirke Treptow, Friedrichshain und Kreuzberg symbolisieren. Auf der gegenüberliegen Seite (Süden) sieht man zudem Läufer an den emporragende Treptowers in Richtung Arena vorbei rasen, bis sie gegen Wände stoßen und sich von der Spreeroute zur Puschkinallee abtreiben lassen müssen.

Die Treptower (heute: Allianz Tower) an der Elsenbrücke. Der Beginn – oder das Ende (?) – der Mediaspree.

Die ehemaligen Fabriken und Speicher des Osthafens aus Kaiserzeit erstrecken sich ab der Arena über die einstige Grenzlinie Oberbaumbrücke hinaus. Kein Fuß passt zwischen Fassade und dem plätschernden Fluss. Firmen, Restaurants und Clubs nutzen die Räume sanierter Gebäude sowie die Terrassen am und auf dem Wasser in Kreuzberg, also auf der südlichen Seite. Im Norden tümmeln sich die Menschen im East Side Park – jener angelegten Grünfläche vor der legendären Mauer, der längsten Open Air Galerie weltweit.

Doch die Aussagekraft des Mauerdenkmals könnte demnächst im Schatten neuer Bürotürme verblassen. Um die Sport- und Eventhalle O2 World entsteht Neues für Alteingesessene. Der Daimler-Konzern verlässt seinen Sitz am Potsdamer Platz und quartiert 1200 Mitarbeiter in die angeblich günstigeren Büros an der Mediaspree ein. Ähnliche Pläne stehen in alle Richtungen aus. Projekte wie Yaam, Watergate oder einst Maria, das inzwischen unter dem neuen Namen Magdalena krawalliert, aber stets auf instabilen Terrain steht, mussten und müssen für ihr Bestehen Empörung und Durchhaltervermögen erhalten, denn der Stand am Ufer der Spree ist wackelig wie das schwebende Damoklesschwert.

Der aktuelle Fall: die Holzmarktstraße gegenüber des Feiertempels Kater Holzigs. Dort steht die Magdalena. Das Gebiet der Berliner Stadtreinigung (BSR) darf nur an den Bietenden gehen, der die ausgebeulsten Taschen und Koffer besitzt. So sei es festgelegt, begründet das städtische Unternehmen. Auch der Kater hat geboten. Die Vision: bezahlbarer Wohnraum, ein Club, ein Restaurant, ein Hotel sowie Ateliers und Läden – eine Begegnungsstädte für Kreative und Nachbarn. Das scheint nicht zu interessieren. Gibt es schließlich schon. Nur eben nicht direkt an der Spree, aber doch fast.

Auf dem RAW-Gelände an der Warschauer Straße treffen Kreative in Clubs, Skaterhalle, Cafés oder während des Markts auf die Anwohner Friedrichshains, einem Bezirk, der unter dem Gentrifizierungsprozess nicht nur am Ufer der städtischen Wasserstraße leidet. Leben, um gesehen zu werden, um Teil des Trends im Berlin des ehemaligen DDR-Staates zu sein. To be. „Be Berlin“, heißt die Marketingstrategie der rot-schwarzen Regierung. Warum? Weil die disperse Bevölkerung kein einheitliches Gefühl, kein Gefühl für Berlin besitzt. Wie auch? Immerhin werden Großindustriellen mehr Raum und Privileg genehmigt als den Berliner Identitäten, die mehr und mehr aus ihren Kiezen flüchten wegen erhöhter Mieten, wegen des zugezogenen Publikums, das sich Berlin aneignet, aber nicht Berlin sein möchte. Berlin, wie es ist. Wie es war? Dreckig, kantig, kulturell, kreativ, bunt und laut – sexy und nicht schön.

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