Nichts gesehen, leicht gesprochen

Die Deutsche Journalisten Union (DJU) läutete zur Versammlung. Nach und nach liefen die Reporter des Landes im Berliner Haus der Gewerkschaft verdi ein. Trotz der kränkelnden Branche und der sterbenden Printpdodukte, die einem Virus namens Insolvenz erliegen, blieb man sich im Thema treu: Gemein machen. Partei ergreifen – sollen wir das? Dürfen wir das? „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.“ Das Zitat des ehemaligen Tagesthemen-Moderators Hanns Joachim Friedrichs ist der Aufhänger und wird oft als Rechtfertigung, Motiv oder Anlass benutzt. Angeblich gibt es dieses offizielle Zitat nicht, hat ein Schüler der Deutschen Journalistenschule München recherchiert. Man findet es nur überall, beispielsweise auf der Homepage zu dem Preis mit seinem Namen.

Dem NDR nach äußerte er sich in seinem letzten Interview vor Spiegel-Befragern so: „Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in eine öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein.“

Letztlich, ob allgemein oder egozentrisch gesprochen, wurde auf der Tagung mit einigen Rednern und einer Podiumsdiskussion darüber reflekiert, was damit gemeint ist, wenn sich ein Journalist mit einer Sache gemein macht. Positionierung und Meinung sei das nicht. Sei es wohl und man müsse möglichst objektiv bleiben, rief jemand in das Mikro. Die Versammelten waren erhitzt, einigten sich jedoch nicht. Lachen musste ich, als ich einen freien Jouranlisten und einen Schreiber der tageszeitung in der Pause belauschte. Meinte doch der geschniegelte, in feines Sakko gepackte und in Gel beinah ertrunkene polierte Lederschuhträger zum taz-Redakteur: „Du bist also auch einer von den Weltverbesseren. Dann verstehen wir uns doch.“ Er verhandelte mit dem taz’ler um die objektive Berichterstattung bei Nazi-Demonstrationen und verteidigte in den ersten Minuten in großer Runde seine Meinung, man dürfe nicht von Beginn an gegen die politische Gesinnung der Demonstierenden schreiben. Nur leider konnte er das nicht ausdrücken und rannte gegen einer Mauer, deren Ziegel aus vielen Reportern an diesem Tag bestand. Erst nach anschließender, 20-minütiger Diskussion im Zwiegespräch verstand der nebenberufliche PR-Stratege, dass er dem grün-linken Leitmedium nichts absprechen konnte.

Mit ähnlichen Worten wie in ihren Redebeiträgen zuvor beteiligten sich die Anwesenden, kreisten aber um die eigentliche Problematik. Die betrifft das System selbst. Natürlich sind wir nicht objektiv. Biologisch ist das nicht möglich. Natürlich gibt es politisch ausgerichtete Medienprodukte. Die Menschen greifen gern zu einer Gesinnungszeitung. Natürlich benötigen wir vielfältige Themen und Konkurrenz.

Aber besteht die Medienvielfalt hauptsächlich nur noch aus den populistischen Meinungen der Journalisten zum Journalismus? Warum sehen sie die Zusammenhäneg nicht? Warum reden sie über Inhalt, aber an der Metaebene vorbei? Kurzsichtigkeit. Es wurde kein Konsens, kein Leitsatz, keine Zusammenfassung ausgesprochen. Nicht einmal der Bundespresseball vom Donnerstag, auf dem sich Abgeordnete und Journalisten zu einem bunten Abend getroffen hatten, wurde erwähnt. Es bleibt Vieles ungesagt und offen. Es wurde jedoch über den Erfolg einer Diskussion, meiner Meinung eines diskussionwürdigen Tages, gesprochen. Die Journalie als Medium, die Themen mit Nachrichtenwert – das waren die Gedanken des Journalismus, als er noch Stimme zwischen Volk und Obrigkeit war, als sein Anliegen in der Aufklärung bestand. Die Grundidee des Journalismus ist tot.

Ein Beispiel: Doping konnte sich ausweiten und manifestieren, weil verschwiegen wurde, was Tacheles war und ist. Die Tour de France war schon immer ein „Dopingsumpf“. Wen schützt der Journalist, wenn er den Leser hintergeht? Den Sport oder seine eigenen Interessen, seine intensiven Emotionen, die ihn an das Geschehen binden, die ihn einbinden in das (große) Spektakel? Heißt gemein machen nicht, ICH habe es gern? Wird es nicht deswegen vor allem thematisiert? Und das mit der Tendenz, wie sie gut tut? Und woher stammt dann das Wort Gemeinheit, das erst später enstanden ist und bedeutend wurde? Ist es also gemein, sich mit einer Sache gemein zu machen, weil dabei Perspektiven und Informationen außerhalb des Gemeinen verloren gehen? Das heißt, dass wir zu fokussiert sind, um die Wahrheit zu sehen. Allerdings verdient der Leser genau das. Transparenz und Wahrheit. Im Sinne der Aufklärung.

-> hier geht es zur Dokumentation des Tages von verdi: http://dju.verdi.de/aktuell/dokumentationen/jt

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