Muss mal eben schnell die Welt retten, Akt II

Akt II

Cordelia beobachtete die Männer vom spitzen Dach des Bankgebäudes. Ihr war langweilig, denn längst hatte sie die abenteuerlichen Menschen, all die heimlichen Orte und versteckten Güter der Welt gesehen. Sie kehrte an den Ort zurück, an dem sie begonnen hatte, die Erde zu bereisen. In ihrer Hoffnung lag die Veränderung, die sie nach ihrer langen Abwesenheit erwartete. Doch das Treiben im Dorfe ähnelte dem der Vergangenheit. Der Tischler sägte und raspelte das Holz, die Näherin flickte die Ärmel des Tischlers und der Wirt kehrte die Reste des geschlagenen Tisches auf die Straße. Alles ergibt einen Sinn und jede Hand berührt ein Glied der Menschenkette, so dass die Menschen sich im Kreise drehen, wenn sie die Hand noch einmal für dasselbe Glied benutzen, sprach Cordelia leise in den Wind, der ihre geflüsterten Worte vom hohen Dach wehte. Schnell sprang sie auf und glitt hinunter auf den Dorfplatz, wo der Henker den Strick prüfte. „Ja, das wird ein herrlicher Tag, Frau Wirtin!“ Der Henker sprach mehr für sich als zur Frau des Wirts, der verärgert zum Todesbringer sah, um seine Frau vor dessen Worten zu schützen. Kannst du dich entsinnen, Diener des Staates, fragte Cordelia den Henker. Sie wusste, dass ihre Worte ohne Stimme stumm blieben. Trotzdem wollte sie wissen, ob die Anwohner und der Henker sie nicht vergessen hatten. Wahre Vorfreude glänzte in den Augen des Henkers. Wie solltest du, führst du doch nur aus, was sie dir aufgetragen hatten. Dieser Zwist, diese Gier, die sie getrieben hatte – uns und auch sie selbst ins Verderben. Wisst ihr das noch? Cordelia schrie vor Enttäuschung, die sich in Zorn wandelte. Nur wohin damit? Sie musste sie hinausschreien. Niemand hörte sie. Niemand sah sie an. Niemand wusste von ihr. Wir sind gegangen, aber ihr, ihr seid noch hier, müsstet sehen all das Blut auf dem Boden, in der Erde, die ihr mit den Harken zerfurcht, an seinen Händen. Da die junge Frau nicht gehört wurde, begann sie zu weinen. Das Leben als Nichts, als eigenes Gedächtnis umgeben von einer Atmosphäre, die die Lebenden nicht wahrnehmen konnte, kränkte sie. Cordelia setzte sich auf die Falltür des Podests, über ihr baumelte der zu einer Schlaufe gebundene Strick für den nächsten Verurteilten, dessen Gnadengesuch abgelehnt worden war. Während der Henker seinen Apparat besah, schlich er um das hölzerne Podest, auf dem noch immer Cornelia weinend verweilte. Durch das Wasser vor ihren Augen verfolgte sie die bedächtigen Bewegungen des verschwommenen Auftragsmörders. In einigen fernen Ländern war Cordelia auf Gefangene getroffen, aber viele Könige hatten sich der Todesstrafe entledigt.

Als der Henker befriedigt in die Schenke ging, überlegte die Zurückgebliebene, wie sie sich bemerkbar machen könnte. Plötzlich plopplte eine Idee auf und sie verschwand vom zukünftigen Ort der Hinrichtung. In der Schenke trank der Henker in eiligen und großen Zügen das Glas mit klarem Inhalt aus, bestellte ein weiteres und wiederholte die gierige Aktion, bis er mehrere geleerte Gläser vor sich sammelte. Mit jedem Glas hatte er von seiner Haltung verloren. Sein Oberkörper lag, nachdem er das letzte Glas ausgetrunken hatte, auf der Thek des Wirts. Zu später Stunde polierte seine Frau die gesäuberten Gläser und er schlich ohne ein Wort an sie davon. Wenige Minuten später kam er zurück. Die Wirtin fragte, wo er gewesen sei, erhielt als Antwort jedoch nur ein brummiges Kopfschütteln und einen verwirrten Blick. Cordelia flog aus der Hintertür des Schankhauses hinauf auf das spitze Dach, auf dem sie schon am Nachmittag gesessen hatte. Nachdem die Gäste gegangen waren, packten Wirt und Wirtin den Henker unter den Armen und trugen ihn auf ihren Schultern in sein Zimmer über der Schenke, wo er seufzte und nach etwas griff. „Ah Kuschelhase, komm her und schmuse mit mir. Lass uns über die Wiese hüpfen und unsere Nasen aneinander reiben. Schön.“ Das Ehepaar öffnete die Augen weit und sah sich verstört an, einigte sich blitzartig darüber, dass man das Zimmer rasant verlassen müsse und für diese besondere Leistung dem Henker niemals wieder Rabatt gewähren würde.

Am nächsten Morgen drangen die Dorfbewohner zum Platz, auf dem die Hinrichtung stattfinden sollte. Cordelia stand wieder auf dem Dach neben der Fahne, die das Wappen des Dorfes im kräftigen Winde stolz offenbarte. Es war so weit. Der Spuk konnte beginnen. Der Gesandte der Justiz verlas die Verurteilung, während der Verurteile vom Henker die Treppe auf der Podest hinaufgestoßen wurde. Selbst noch ein wenig schwankend trat der Henker hinter den Mann, der angeblich die königlichen Kaninchen geschlachtet und gefressen haben sollte, legte ihm den Strick um den Hals und stülpte ihm ein Leinenbeutel über den Kopf. Auf Kommando des Repräsentanten schob er den Knüppel, der den Mechanismus seiner Tod bringenden Apparatur einleitete, nach vorn. Es rappelte und murrte unter dem Podest. Die Zuschauer erschraken, einige junge Frauen und Kinder wandten sich ab, weil die den baumelnden Körper nicht sehen wollten. Doch dazu sollte es erst gar nicht kommen. Die Falltür öffnete nicht. Der verurteilte Mann blieb darauf stehen. Die Menschen blickten verblüfft wie auch der Henker, der sich nicht erklären konnte, was nur geschehen sein konnte. „Das ist ein Beweis“, rief ein Mann aus der Masse. Ein anderer stimmte ihm zu. Mehr und mehr Menschen bekräftigten das „Zeichen“, wie sie es nannten. „Wir sind nicht im Morgenland. Wir benötigen die Todesstrafe nicht mehr“, forderten sie. Sie warfen mit Äpfeln und harten Broten von vorgestern. Der Henker und der Justiziar rannten davon. Eine Frau befreite den Verurteilten von Strick und Beutel. Cordelia war zufrieden und freute sich vom Dach aus über die Bewohner des Dorfes, über ihren Zusammenhalt und die Veränderung, die ein kleiner Nagel in einem Scharnier der Falltür angestoßen hatte.

Advertisements