Die unaufhörliche Jagd nach dem befriedeten Selbst

„Automaten sind Regale, die mitten in der Stadt stehen. Wir bewegen uns durch den öffentlichen Raum, als wäre er unsere Wohnung. Alles, was wir sehen, gehört uns. Keine Mauer trennt uns von unseren Begehrlichkeiten. Sie sind unbewacht. Auch wir sind unbewacht, kein kritischer Blick mustert uns, wenn wir etwas Ungesundes, unvernünftig Teures oder anderweitig Fragwürdiges kaufen. Unsere Wünsche drängen nackt an uns heran.

Der Kaufakt, den moralische Hemmungen verhindern könnten, muss also automatisch ablaufen. Kaugummiautomaten für naschende Schulkinder. Spielautomaten für Einsame.
Zigarettenautomaten zur Pflege des routinierten Verlusts an Selbstkontrolle. Aber bitte jetzt sofort, und bitte jeden Tag vierundzwanzig Stunden, sieben Tage die Woche. Auch an Weihnachten und Silvester. Ganz besonders dann. Jeder kann sich etwas nehmen.“ (taz vom 09.02., „Etwas gegen Bezahlung erwerben“, Andreas Kiener)

Eine alltägliche Situation.

Unbeobachtet und heimlich können wir in jeder Minute unserem Verlangen nachgehen: Sucht. Aber hinter der Sucht versteckt sich das Wesentliche: Konsum. Denn Sucht ist getarnter Konsum, mit dem wir überdecken, was uns bewegt. Und aus dieser bewegungsaffinen Toleranz ensteht die Jagd. Eigentliche Emotionen werden dabei übergangen von den nervösenen Beinen, für die es ein Syndrom, sogenannte restless legs, gibt. Wir sind unausgelastet und ungezügelt, jagen und konsumieren wir nicht. Deswegen signalisieren unsere Beine: „Wir wollen Bewegung!“ Ähnlich eines Drogensüchtigen oder Ruhelosen, der voran möchte. Zudem ist es schick und in style mit Tüten und Bechern, mit Taschen und besonderen Beuteln durch die Stadt zu flanieren oder zu hetzen. Das ist, was die meisten bewegt. Sie jagen gehetzt, respektlos, unverantwortlich, organisert bis orientierungslos, egozentrisch. Kommt einem bekannt vor? Ellenbogen und Gier machen uns auf eine sehr unangenehme Weise unattraktiv. Es gibt durchaus angenehme Weisen, zum Beispiel Sarkasmus – begossen, lachhaft und lachend steht man am Ende im Kreis und hält sich die Bäuche. Aber ich meine den abstoßenden Charakter der gestressten Permanentkonsumenten, die vor der Jagd erst noch flüchten; sie flüchten aus der Einsamkeit, vor den Anforderungen, der Realität, der Dichotomie des Seins. Dafür setzten sie eine häßlich entfremdete Fratze auf.

In einem Café mit seinem Laptop zu sitzen bedeutet vor allem, dass man gesehen wird, wie man nebenbei im Trend Trendiges konsumiert und angeblich irgendetwas Trendiges produziert oder noch mehr Trendiges kauft. Es ist wie Kiener beschreibt: Wir konsumieren, kaufen, nehmen ein und auf – und das beiläufig. Unser Bewusstsein zum Kaufverhalten hat sich verändert. Schon im Buch Tristesse Royal haben sich Popliteraten mit der 0 auf dem Konto auseinandergesetzt. Sie war einst der Schreck. Die neue 0 sei die 1000 mit einem Minus davor. Who cares? Sie kümmerten sich schon vor beinahe 12 Jahren nicht mehr darum. Warum also jetzt, wo die Wirtschaft doch stetig wachsen muss? Wo Konsum das Einzige ist, was uns im Kreislauf aus Kontakt und Austausch hält. Wenn vor allem die politische Wirtschaft (oder verwirtschaftliche Politik?) uns darin blendet, wenn sie uns aufruft, zu konsumieren, wenn die Möglichkeit mit jeder Minute gegeben wird, wenn die Leute nur noch darin ihre Zukunft sehen, einzuheimen oder anzubieten, ein Café zu betreiben, einen Laden zu eröffnen, um noch mehr zu verkaufen, dann erstickt die Stadt in Einzelhändlern und kaffeetrinkenden Sehenswürdigkeiten mit irgendeinem dieser abschirmenden Geräte vor dem Gesicht. Wir konsumieren und ertränken unsere wahren Bedürfnisse dabei. Den Durst stillen wir noch lange nicht.

„Was wir kaufen wollen, liegt ganz nah bei uns. Eigentlich ist das unser Glück. Aber Glück kann man nicht kaufen, das wissen wir. Also nennt sich der Modeversand „Kauf dich glücklich“. Das zeigt uns, dass die das auch wissen. Und dann dürfen sie auch versuchen, uns ein bisschen Glück zu verkaufen. Sie tun mal so, als ob sie könnten. Es ist ein Spiel, nicht ernst gemeint. Du wirst trotzdem etwas glücklicher? Cool!

Wir sagen nicht mehr kaufen, weil wir nicht mehr kaufen wollen. Uns ist schon klar, dass Werbung keine Produkte verkauft, sondern Gefühle. Es ist uns auch klar, dass wir eigentlich Gefühle wollen. Also schämen wir uns, wenn Geld fließt. Wie ein Freier, der eine Prostituierte für Sex bezahlt, aber auf Liebe hofft.“ (Kiener)

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