Asphalt Blues

[Sommer 2013, Bochum: Das Projekt n.a.t.u.r. ist eine Plattform für Kreative, Vor­denker & Wegbereiter, – die sich mit ihrer Kunst, Aktionen auf der Straße, mit Workshops, Foto- oder Filmbeiträgen, Vorträgen, Theaterstücken, oder Installation etc. beteiligen wollen. n.a.t.u.r. vernetzt Menschen, ihre Ideen und Arbeiten aus der Region, um sich den ökologischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Herausforderungen unserer Zeit auf spezielle Weise zu stellen. Fokus der diesjährigen Ausgabe ist die Frage: Wie wollen wir leben? Diese Fragestellung betrifft uns alle.]

Ein Bäumchen hier, ein Bäumchen da. „Da hinten die ganze Straße runter, das muss auch noch alles weg.“ Stetig rollen die Räder, stetig röhren die Sägen. „Von wegen das macht alles die Maschine. Das sind freiwillige Helfer. Gut, die erarbeiten sich hier ihre Weltrekordtitel, aber wen stört’s. Das ist für eine gute Sache.“ Laut knackt ein Baum über die asphaltierte Straße hinweg. „Obacht!“ Und es echot über die Gehwege links und rechts: „Obacht!“ „Obacht!“ „Obacht!“ Slalomesk windet es sich an den Bäumen vorbei. Bis ganz nach hinten die Straße runter, wo noch alles weg muss. Den Stimmen folgt ein beschwerliches Seufzen und ein krächzendes Ächzen, als die Rinde bricht und sich an den Asphalt schmiegt. „Also, wenn Sie es genau wissen wollen, dann fragen Sie meine Sekretärin. Die weiß das. Oder gucken Sie doch in die PM später. Da steht das alles drin. Geld, das spielt in so einem Fall keine Rolle.“ Der Benz lenkt um, Haarnadelkurve vor dem Bauarbeiter mit dem gelben Helm auf dem Kopf, und fährt in die Richtung, aus der er kam, vorbei an den gestürzten und zerteilten Stümpfen. Feinstes Sägemehl flimmert in der Luft. Die kräftigen Männer tragen kleine Masken vor Mündern und Nase. Die Zeit tickt wie gewohnt. Sie versuchen sie einzuholen. Durch den Auspuff des Benz strömt Kohlenmonoxid aus. Die Männer sehen nicht hin, wie sich das dicke Ende des Autos von ihnen entfernt; sie konzentrieren sich darauf, schneller zu sägen, als das Ticken fortschreitet. „Wann wir fertig sein werden, na ja, schneller als geplant, hoffen wir, damit sich Ottilie Scholz und Klaus Wowereit bald schon hinter einem roten Band die Hände schütteln können. Dazu sind sie natürlich eingeladen, dürfen selbstverständlich an meiner Seite stehen.“ Dem anderen zwinkert oder zuckt ein Lid entgegen. Die Ampel schaltet das rote Licht ein. „Uah, halten Sie sich fest. Hier kommen die Verrückten.“ Menschen, Hunderte von ihnen, haben die Kreuzung belagert, stürmen nun auf die Straßen, um mit ihren Rufen und Schildern den schwarzen Benz zum Wanken zu bringen. „Keine Sorge. Panzerglas. Das muss in unserem Job sein. Der Pöbel soll kommen.“ Und tatsächlich, das Auto wankt. Allerdings bewegen ihn Hände und Leiber, die sich gegen Metall und Glas drücken. Wankelmut. „Och, mein Zahnarzt. Na ja, bei dem Gehalt würde ich auch auf die Straße gehen. Was der mit Bäumen zu tun hat, frage ich mich.“ Der Fahrer hupt. Ein langer, hoher Ton. Die Menschen halten ihre Hände vor ihre Ohren oder sie stecken ihre Finger in die Gehörgänge, verziehen ihre Gesichter zu schmerzlichen Fratzen, die Augen sind zusammengekniffen, als könnte das Ungesehene das Geschehene mit Dunkelheit und dem Willen zur Nichtigkeit verdrängen. Aber es sind dir Ohren, die selbst verschlossen hören. Sie wenden sich vom Auto ab. „Sehen Sie, wie Tiere, wie Insekten, die man sich mit einem Ton vom Blut hält.“ Der Fahrer tritt aufs Gaspedal, Benzin wird eingespritzt, der Motor schnurrt, während die Räder rollen. „Warum wir dieses menschenfeindliche Geräusch nicht hören? Wunder der Technik, sage ich Ihnen. Wir sind davon isoliert.“ Er reißt den Arm und den ausgestreckten Zeigefinger empor. „Vivaldi! Wir wollen Vivaldi hören. Die Fahrt ist lang. Was von Vivaldi? Ach, ganz egal. Das ist alles gute Musik.“ Er öffnet eine Flasche trockenen Rotkäppchens und gießt sprudelnden Schaum in zwei Gläser, die Flüssigkeit daneben, nebenbei pfeift er holprig Libiamo aus der Traviata mit. „Ja, nehm Sie schon! Sie haben Recht. Nachdem der Bund die Bundeswehr verkleinerte, den Polizeidienst für Schutzbedürftige reduzierte, sah man die Lösung in solchen sicheren Autos. Wird ja wohl keiner mit ner Uzi kommen. Und 1963 haben wir auch nicht. So blöd sind wir nicht. Offenes Cabrio – wer ihn beraten hat, wollte doch Schüsse hören. Und Köpfe rollen sehen. Verraten statt beraten. Haha!“ Lachend prostet er dem Anderen zu und leert die Flöte. Ist auch kaum was drin. Er schenkt nach. Sie fahren eine Weile, mit jeder Minute wird es grüner, bis sie an einen Ort erreichen, der ganz und gar grünt. Sie biegen ein, in den Wald. Der Benz rumpelt über einen Wurzel durchwucherten Weg. „Ach, stellen Sie viele Fragen. Nun ist aber mal gut. Trinken Sie noch ein Gläschen.“ Er bemerkt, dass das Glas des Anderen noch gefüllt ist, verschließt unbekümmert die Flasche, die zwischen seinen umschließenden Oberschenkeln steckt. „Ich weiß nicht, was das für Geräusche sind. Sind das Leute? Warum drängt das zu uns durch? Wir sollten doch sicher sein!“ Sie sehen aus dem Fenster, erkennen aber vor gewaltig empor ragenden Bäumen, an deren feinen Zweigen grüne Blätter wuchern, nichts. „Das muss auch alles noch runter.“ Er erschrickt plötzlich, ein wenig Sekt schwappt über den Rand auf seine glänzenden Slipper. „Was ist denn das?“ Wieder drängen sie sich an das Fenster links neben dem Anderen, dichter als zuvor. Er hat sich vom Gurt lösen müssen.

Dort und andernorts stehen sie nebeneinander. Die Punks, die Anarchos, schwarz gekleidet, gepierct, die Ökos mit schwarzen Rosen in den Haaren, die Anwälte in Jeans und dunklen Rollkragenpullovern, die Jugendlichen, die die Schule niemals packen werden wegen ihres zugeschriebenen schwachen sozialen Hinterhalts, die Putzfrauen, die durch aufgequollene Lider und gerötete Augen nur noch gereizt sehen, sich aber in der Farbe, der Antifarbe, nicht vergriffen haben: schwarze Kittel. „Wir sehen schwarz und wollen Leben“ steht auf einem schwarzen Plakat mit grüngefärbten Buchstaben.

10.1997, junge Welt: Peru: Sendero Luminoso ist wieder aktiv – Militär macht seit Anfang Oktober Jagd auf Guerilla-Organisation. Unter strikter Geheimhaltung macht die Armee in Peru wieder Jagd auf Kämpfer der Guerillagruppe Sendero Luminoso (Leuchtender Pfad). Offiziell gilt die Truppe als zerschlagen, inoffiziell hat sie jedoch ihre Aktivitäten verstärkt.“

06.1998, junge Welt: „Alberto Fujimori sucht die Unterstützung im Ausland – In Bedrängnis geratener Diktator Perus will zivileres Image. Am 4. Juni marschierten 20 000 Studenten durch Lima, um gegen die Absicht des peruanischen Präsidenten Alberto Kenyo Fujimori zu demonstrieren, sich auf der Grundlage eines neuen Gesetzes zum dritten Mal zum Staatspräsidenten wählen zu lassen.“

11.2000, Die Zeit: „Abgang per Fax – Sicher ist es nicht, aber sehr wahrscheinlich, dass Fujimori floh, nachdem er den Machtkampf mit seinem ehemaligen Weggefährten Wladimiro Montesinos verloren hatte. ‚Der schwarze Mönch‘, wie die Peruaner ihn nennen, hatte nie ein offizielles Amt inne, aber er war zweifellos einer der mächtigsten Männer der Ära Fujimori. Er führte Regie beim blutigen Krieg gegen die terroristische Organisation Sendero Luminoso, die das Land in den achtziger Jahren an den Rand des Abgrundes geführt hatte. 30 000 Menschenleben, 15 000 Verschwundene und 600 000 Flüchtlinge hat die Befriedung des Landes gekostet.“

12. 2011, AFP: „Der Leuchtende Pfad (Sendero luminoso) hatte 1979 einen ‚Volkskrieg‘ zum Umsturz der herrschenden Klasse ausgerufen. In dem folgenden 20-jährigen Gewaltkonflikt starben nach Schätzungen der peruanischen Wahrheits- und Versöhnungskommission rund 70.000 Menschen. 15.000 Menschen verschwanden spurlos. Immer wieder werden Massengräber gefunden.“

„Müssen die jetzt sterben“, fragt ein Junge, dessen Arm an der Hand seiner Mutter hängt, mit neugierigen, dem Geschehen zugewendeten Augen. Das schwarze Tuch um seinen Hals ist durch einen Film getrübt. In diesem Film ist das Holz zerstümmelter Bäume – die Geschichte von Generationen, die Sequenzen und Blenden ihres Handelns. Sie zieht ihn an sich und legt ihm den Arm um seine leichten Schultern; seine Hand hängt zwischen ihnen in der Luft und verteilt den Staub der Bäume wie schon die Asche Verstorbener. Wässriger Augen sagt sie mit trockener Stimme ja zu ihm.

06.2009, Frankfurter Rundschau: „Massensterben im Erdgasgebiet. 58 der 64 Regionen, die voriges Jahr ausgewiesen waren, überlappten sich mit Indianergebieten, darunter 17, in denen Indianer ohne Kontakt zur Außenwelt leben. Peru will als bisher kleinster Ölproduzent Südamerikas bis 2011 bei Gas und Öl Selbstversorger werden. Etwa 100 Firmen beuten zurzeit in rund 600 Projekten die Bodenschätze des Landes aus… Der konservative García, der in seiner ersten Amtszeit vor 20 Jahren einen Linkskurs fuhr, setzt seit 2006 die Radikal-Liberalisierung seines Vorgängers fort – Grund für das Wachstum… Während die Acht-Millionen-Metropole Lima brummt, geht es auf dem Land kaum besser zu als vor 30 Jahren. Die Zahl der sozialen Protestaktionen ist hoch – 2008 wurden 189 gezählt, doppelt so viele wie ein Jahr vorher… Die Regierung könne den Indianerprotest auch ‚plattmachen‘, hatte Perus Ministerpräsident Yehude Simon im Mai getönt, bevor er sich mit den Indianern an einen Tisch setzte…

(1960er, Vortrag, Theodor W. Adorno: „Erziehung nach Ausschwitz. Erst haben die Menschen (…) sich selber gewissermaßen den Dingen gleichgemacht. Dann machen sie, wenn es ihnen möglich ist, die anderen den Dingen gleich. Der Ausdruck ‚fertigmachen‘, ebenso populär in der Welt der jugendlichen Rowdies wie in der der Nazis, drückt das sehr genau aus. Menschen definiert dieser Ausdruck ‚fertigmachen‘ als im doppelten Sinn zugerichtete Dinge… Etwas davon liegt im Geist der Zeit, sowenig es auch mit Geist zu tun hat.“)

… Die Gespräche scheiterten, die Indianer errichteten in Ost-Peru Straßensperren und Flussblockaden, jüngst kamen dabei bis zu 60 Menschen ums Leben. Der Kongress legte daraufhin zwei der umstrittenen Dekrete auf Eis, die die Investoren in die Urwälder locken sollen. Aber sie sind nicht vom Tisch. Folge: Die Proteste wurden wieder aufgenommen… Wissenschaftler nennen Camisea wegen der überbordenden Biodiversität den ‚allerletzten Ort auf der Erde, um nach fossilen Brennstoffen zu bohren‘. Die Pipeline, die von da zur Pazifikküste führt, riss in den ersten 18 Monaten nach Produktionsstart viermal.“

Der Mann hinter der Kamera zoomt sein Gesicht in ein Close up. „Student, Indianer“ fügt die Grafik mit blauem Banner vor seinem Hals ein. Obwohl er noch jung ist, sieht er alt aus; obwohl ihn dunklere Haut bekleidet, sieht er blass aus. Seine Augen sind rot. Geweint hat er nicht. Mittelfinger und Daumen der rechten Hand reiben gerade vom Nasenrücken aus auf den verschlossenen Augäpfeln herum. Beiläufig spricht er. Dann reißt er den Mund auf, soweit er kann. Die Hand ist nicht schnell genug vor diesem expandierendem Loch in seinem Gesicht. Sein Körper giert nach Sauerstoff. Nach Ruhe. Er ist müde, fühlt nur noch den Schwindel in sich schwingen. Seine Lider öffnen sich wieder. „Entschuldigung. Das ist ein langer Tag. Er hat vor 49 Stunden begonnen.“ Auf dem Bildschirm sehen die Leute, wie sich die Kamera wieder entfernt. Im Hintergrund werden weitere ermattete Menschen mit hängenden Köpfen scharf. Dunkle Haare fliegen wirr. „Ja, seit beinahe 49 Stunden blockieren wir diese Straße. Wir wollen nicht, dass der Wald gerodet wird. Dort hinten hat ein Stamm seine Hütten. Die wollen gleich daneben ein Camp aufbauen. Alles niedermachen, etwas aufbauen. Das wären bessere Arbeitsbedingungen. Kürzere Wege usw.“ Ein Schwenk. Zwischen Bäumen lassen sich Hütten erahnen. Ein weiterer Schwenk. Landwirtschaftliche Lastkraftwagen stehen vor der menschlichen Blockade. Es sind vielleicht 25 Menschen, junge Frauen und Männer, die auf dem waldigen, breiten Weg sitzen. „Nein, wir haben keine Angst. Angst haben wir vor dem, was die da“ – er deutet auf die Wagen – „mitbringen. Das finden sie nicht alles da drin. Das ist vor allem hier“ – er deutet mit dem Mittelfinger auf den Knochen vor seiner Schläfe.

amazonas.de: „Die ‚Inter-American Development Bank‘, an der die US-Regierung mit 30 % beteiligt ist, will das Gasprojekt mit einem Kredit über 135-Millionen-Dollar ermöglichen. Bianca Jagger erklärte, das Vorhaben verletze zahlreiche internationale Umweltstandards und darüber hinaus die Rechte der Indianer. Wenn das Camisea-Projekt verwirklicht würde, hätte es katastrophale Folgen auf den Regenwald und auf die dort lebenden Indianervölker.“

Alcides Huinchonti sitzt auf einer weißen Treppe im Schatten. Er vertritt die indigene Organisation Comaru. Die Sonne scheint vor einheitlich blauem Grund. Unter dem Schirm des Caps schwitzt sein Gesicht. Ein anderer Mann hat eine andere Kamera auf ihn gerichtet, eine Journalistin leitet das Gespräch, sammelt verwertbare Informationen, sucht nach Emotionen in Wort und Mimik. Verzweifelt. Zornig. „Was von außen kommt, wird uns verändern, sagen sie. Was erwarten die Kommunen? Was erwarten die Föderationen? Sie wollen Aufschwung für uns. Wie lange noch werden wir am Boden sein? Werden sie unsere Rechte treten, während wir so weiter machen, weil sie die Ressourcen haben? In 20, 30 Jahren werden sie verschwunden sein. Wo werden wir dann sein?“ (Dokumentation Block 57, 2007)

„Sie kommen hier her und wollen alles anders machen. Versteht ihr das nicht? Seht ihr nur Internet, Kabelfernsehen und die leeren Versprechungen? Bildung. Kultur. Das haben wir hier auch. Für uns. Auf unsere Weise! Denkt ihr, die würden hier nur eine Woche überleben? Das ist unser Wissen. Und das wollen die uns nehmen!“ Den Zierlichen nennen sie ihn. Er lebt schattiert vom Großen, Abimael Guzmán – Presidente Gonzalo, ‚Das vierte Schwert der Weltrevolution‘. Marx, Lenin und Mao kamen ihm messerscharf zuvor. Sendero Luminoso ist noch aktiv, korrupt und radikal wie in den 80ern, 90ern, begierig zu verteidigen. Mit Waffen. Mit Leben. „Was sollen wir tun? Sie kommen so oder so. Die Regierung hat es beschlossen. Du meinst doch nicht, dass sie weniger skrupellos sind als in anderen Ländern? Du weißt, dass es nicht so ist. Australien oder hier – wen interessieren wir schon?“ Die Hand des mit zwei großen Federn am Kopf geschmückten Häuptlings öffnet einen Kreis. Langsam zieht sie vom Bauch in die Ferne. Wenige Falten fräsen sich in die Haut seiner Stirn. „Du forderst uns auf, dir zu folgen, wo dein Presidente von der Regierung, von diesem System verurteilt worden ist? Du forderst uns auf, sich dir zu unterwerfen, wo wir hier zumindest leben können, statt kämpfen und sterben zu müssen? Du bist töricht. Die Kraft von einst habt ihr nicht. Ihr könnt uns nicht schinden, wie ihr es früher getan habt, könnt unsere Dörfer nicht niederbrennen.“ Knallend schreckt der Zierliche auf. Die große Platte zwischen ihm und allen anderen reißt kaum sichtbar ein. „Wofür wir uns weiterhin, so lange wie möglich ohne Waffen, in den Weg stellen werden, ist der Wald, sind die Fische, ist das Wasser. Sie sind unser, denn wir sind ihrer. Wir sind nicht ungebildet, wie sie es uns nachreden. Wir wissen, dass sie mehr als die Hälfte des peruanischen Waldes roden wollen für ihre Industrie.“ Der Zierliche hebt den Finger. „Für die Industrie der Vereinigten Staaten! Sie beuten uns aus, stellen Soldaten auf. Wir müssen sie bekämpfen. Das ist unsere Pflicht, wie es schon immer unsere Pflicht war.“ Von seinem Baumstumpf erhebt sich der Häuptling. Er ist größer als die anderen, die der Versammlung beisitzen. Große Blätter wiegen mit der sanften Brise, die die Männer augenblicklich genießen, aufnehmen. Der Häuptling atmet sie langsam aus, gibt sie der mächtigen Verknüpfung, der Natur, zurück. „Lass gut sein. Es wird eine Rebellion geben, aber nicht unter eurem Namen, nicht unter euren Bedingungen. Es wächst etwas Neues, dessen ihr nicht gewachsen seid. Ihr selbst rodet, ignoriert die Tradition, tötet die Orte. Sag mir nicht, das habe sich geändert. Ihr beutet aus, wie sie es tun. Das ist inakzeptabel.“ Die anderen Häuptlinge und Vertreter sehen nun auf den Zierlichen, nicken die Worte und deren Inhalt ab. Gewaltig zerbricht die Platte, während der Zierliche abgekehrt entschwindet.

08.2009, junge Welt: „Peru rüstet auf – Millionenschweres Modernisierungsprogramm für Polizei und Armee wird mit Bedrohungsszenarien begründet. Perus Präsident Alan García Pérez setzt auf militärische Stärke nach innen und nach außen.“

05.2010, junge Welt: „Eliteeinheit kontra Maoistenguerilla – Militär plant Schlag gegen Sendero-Luminoso-Rebellen. Die peruanischen Streitkräfte bereiten mit Unterstützung der israelischen Sicherheitsfirma »Global C. S. T.« offenbar einen Kampfeinsatz gegen die letzten verbliebenen Rebellen des »Sendero Luminoso« (Leuchtender Pfad) vor.“

10.2012, junge Welt: „Militarisierung des Regenwaldes – Peru: Armeepräsenz nach Attacken des »Leuchtenden Pfads« verstärkt. Nach mehreren Anschlägen der Guerilla »Leuchtender Pfad« auf Sicherheitskräfte, sowie auf das Gasförderungsprojekt CAMISEA im zentralperuanischen Regenwaldgebiet, wird dieses nun zunehmend militarisiert. Anfang Oktober zerstörten Kämpfer drei Hubschrauber der Firma Transportadora de Gas del Peru.“

„Die Dinge werden sich leider nicht dadurch ändern lassen, daß es sich alle gutgehen lassen. Es wird etwas dagegen getan werden müssen, daß wir systematisch daran gehindert werden.“ Wenige Zeilen aus der BILD, unterschrieben mit Daniel `Classless´. Die BILD, plötzlich ein reaktionäres Revoluzer-Blatt. Blitzangriff. Okkupation. Damals vor über 40 Jahren konnte die Idee um die zurückhaltende Journalistin Ulrike Meinhof nicht gelingen. Keine vernichtende Bombe wie später angedroht, aber Hacker krachten in das System Springer. Sie besetzten die Computer der Druckereien aus der Ferne, infiltrierten Texte, drückten dem I den kleinen Buchstaben und die schwarze Faust darüber auf. Sie waren vorbereitet und sie waren schnell. Mission Impossible: möglich. „Die Festschreibung der Geschichte – schwarz auf weiß – war spätestens seit dem Aufkommen des Buchdrucks das wichtigste Mittel, die konkrete Herrschaft in Gestalt von Herrschern, Staaten und Gesetzen zu zementieren“, schrieb `Classless´ im ersten Leitartikel. Seit zehn Tagen gibt es keine unbesetzte Print-Presse mehr. Menschen streifen Kostüme ab, Frauen bekleiden ihre Brüste.

„Bekehrte Polizisten denken an ihre Kinder. Sie wissen, dass die beständige Welt nicht die wahrlich richtige Welt ist, sondern die, die sich zum Besseren verändert, die sich jetzt verändern muss, weil die Veränderung sonst ewig in einem illusorischen Postulat verharren, aber nie daraus hervor gehen wird.“ Ulli M. skizziert in der aktuellen Ausgabe die Veränderung des Polizisten Jan K. in der Serie Das Leben eines willigen Dieners.

An den besetzten Orten läuft dann alles sehr schnell ab. Politiker werden überrascht. Polizisten widersetzen sich Polizisten; Autos werden angezündet. In Bonn und Berlin lodern die Flammen sehr hoch; in Wiesbaden bei der BKA brechen die Abflussrohre.

Rundfunkstationen werden besetzt. In der Nacht lauschen die, die noch fähig sind sowohl körperlich als auch technisch der ersten Ansprache: „Jeder hat seine Aufgaben in einer Kommune. Dies ist meine. Meine Stimme sei genau richtig. Wie auch immer. Ich spreche stellvertretend für uns. Und wir sind viele. Die Städte brennen und zerfallen, kein Geld ist mehr da, nicht für außen, für den Schein der Sorglosigkeit der deutschen Ordnung und des deutschen Bewusstseins für – ja, für alles. Und nichts. Banken verschlucken Geld, Ausgaben sind in einem Sozialstaat fast nur für die Außenpolitik und die veräußernde Wirtschaft vorgesehen, denn nach außen muss man etwas wahren, was innerlich bröckelt. Doch auch damit ist es nun vorbei. Insolvenz von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft. Das Bild von blanken Bürgersteigen, schillernden Hochhäuser, gestutzten Politikerfrisuren und braven Kindern, die stramm stehen, verschwindet für dreckige innerstädtische Kanäle, in denen Ratten schwimmen, an deren Ufern sich tetanuswütige Füchse zerfleischen, gegen Müll in den Wäldern und gegen eine verruchte Sphäre. Ja, irgendwie alles futsch, ne. Nicht nur wir, auch andere Kommunen sind verantwortlich für dieses Chaos. Der Putsch war notwendig, der Terror sein Mittel. Wir fordern nicht und nichts und niemanden. Wir erwarten Zusammenhalt und Erneuerung, autarkes Leben ohne Unterdrückung. Wer immer eine Kommune aufsucht aus freien Gründen, soll seinen Platz bei uns bekommen. Für all die, die meinen, sie könnten an einer Macht festhalten, die konstruiert wurde, um Hierarchien herzustellen, haben wir maßvolles Mitleid. Viel Spaß da draußen. Ich bin raus.“ Amewu legt auf und leitet über: KREISE.

In den besetzten Häusern wärmen sich die Menschen aneinander. Die Kommunen in den Hausprojekten haben Notversorgungen eingerichtet, Matratzen ausgelegt, kochen nun in den Volxküchen die Reste, die sie sichern konnten und das, was sie anbauten. Einige Familien blicken indes resigniert durch die Fenster in ihre Eigenheimgärten, wo der Rasen wild wuchert oder moderig versickert. Je größer das Haus, desto größer die Angst, es zu verlassen. Vereinzelte Villen, von denen der Strom nicht abgeklemmt oder die Wasserleitungen nicht zerstört worden sind, sind noch intakt. Andere nehmen Besen und Eimer in die Hände, sammeln Schutt und billige Knarren auf. Es ist ruhig. Das Bersten der Besen allerorts breitet sich über die geschundenen Straßen aus. Ein leiser, neuer Rhythmus schwingt.

(1960er, Vortrag, Theodor W. Adorno: „Erziehung nach Ausschwitz. Ich sagte, … Menschen seien in einer besonderen Weise kalt… Wahrscheinlich ist jene Wärme unter den Menschen, nach der alle sich sehnen, außer in kurzen Perioden und in ganz kleinen Gruppen, mag sein auch unter manchen friedlichen Wilden, bis heute überhaupt noch nicht gewesen… Der Zuspruch zur Liebe – womöglich in der imperativen Form, daß man es soll – ist selber Bestandstück der Ideologie, welche die Kälte verewigt.“)

Und in der nächsten Nacht kommen sie. Vermummt bis über die Nase werfen sie mit Blumen, werfen Lehmkügelchen auf die Plätze, graben sie neben den Bäumen ein oder in die Risse des Asphalts. Es ist eine dunkle, schwüle Nacht über der Stadt B., über die die ersten wärmenden Sonnenstrahlen nach neuer meteorologischer Berechnung bald schimmern werden. Eine neue Periode. Keimt.

Advertisements