Wanderwolke

Wir tanzten, sangen, taumelten durch die Musiknoten ohne Bewusstsein. Aus Gründen, die keiner nennen konnte, lagen wir uns grölend und jauchzend in den Armen, sprangen wieder zu konfusen Rhythmen, die der DJ diktierte, und einigten uns ohne Worte auf die Zukunft. Was soll’s, dachten wir. Wir fühlten uns stark, waren unbezwingbar und der Mond färbte auf uns ab, so dass wir leuchteten. Das dachten wir auch. Leuchten in der Nacht. Das kann nur die innere Glückseligkeit bedeuten. Wir waren uns also nicht nur einig, sondern eins. Bald überschlug sich der Takt und mit ihm unser ekstatischer Tanz. Wir berührten uns wieder. Doch nicht unschuldig wie zuvor. Es war nur eine Frage nach relativer Zeit, bis sich unsere Brüste, Bauchnabel, Beine und kurz darauf unsere weichen Münder, die vier geschminkten Lippen, erfahren würden. Und plötzlich war der phantastische Körperspasmus abgestellt. Die Verstärker dröhnten im Hintergrund und entfernten sich mehr und mehr, während wir uns mit jedem sanften Zungenstoß nährten. Ihre Finger glitten über meinen Rücken zum Nacken hinauf, hatten dabei leicht an dem Verschluss meines BH’s gezogen und meine Haare von den Schultern gewischt. Sie presste ihre Hand gegen meinen Hinterkopf, mein Gesicht gegen ihres. Die Küsse wurden intensiver. Gieriger. Körperflüssigkeit wurde eilig in ihren und in meinen Rachen geschoben. Meine Hände schlichen in die hinteren Hosentaschen ihrer zweiten Haut. Ich zog sie noch dichter, spürte ihre Libido unter der tief sitzenden Jeans, fühlte die pulsierende Lust. Wir fanden uns auf der Tanzfläche und verloren uns im Raum.

Nach Stunden blinzelte ich das erste Mal wieder in einem Bett zwischen weißen Wänden. Mein Herz stolperte, nachdem mein Bewusstsein erwacht war. Sie lächelte und leuchtete. Ihre Augen schlossen sich, blieben geschlossen. Ich erinnerte mich an alles und vor allem an das, an das ich mich nicht erinnern hätte wollen. Aus meinem Gesicht und meinem Körper verschwand das Licht. Ich erbleichte. Ich kotzte. Ich flüchtete. Raus aus dem Bett. Raus aus der Wohnung. Raus aus der Stadt. Schnell ins Auto. Schnell auf die Straße. Schnell in eine andere Stadt. Mein Stadt.

Egal wo, ich war nicht mehr frei von lüsternen Frauen, deren wollüstige Lippen meine erogene Zone im Gehirn kitzelten. Die Sinnlichkeit jenes ersten Kusses haftete an mir, wollte nicht vergehen, egal wie oft ich mich geduscht hatte. Also duschte ich öfter, flirtete intensiver und fickte, wer bei drei nicht gegangen war. Kerle selbstredend. Bewusstlos handelte ich, taumelte durch die Dunkelheit ohne zu leuchten. Der Mond war verdeckt von grauen bauschigen Wolken, die Regen verschütten wollten – eine Wanderwolke, die wie in Comics nur und immer über mir schweben würde.

„Was ist los mit dir? Du bist in letzter Zeit so aggressiv“, fragt mich Erkan, der fünfte meiner sechs Brüder. Erkan ist ein Lebemensch, der sich mehr auf sich als auf unsere Eltern verlassen hat. Anders als unsere älteren Brüder, die die ehrbare Familienflagge tragen. Strebsame Deutsch-Türken der zweiten Generation, die ihre Verortung gefunden haben; ihre Plätze in zwei Kulturen, die nicht zueinander finden, obwohl sie seit Jahrzehnten koexistieren. „Disch hat doch nisch wieder die kahle Sau angemacht? Isch schwör dir, isch krieg den noch ran, wenn der so weiter macht. Schwör isch dir!“ In seinen Augen liegen diese entschlossenen Flammen, die bei ihm nur selten über den Pupillen lodern. In solchen Momenten hält auch er eine Flagge in den kleinen Händen – die der Gleichberechtigung. Gern spricht er dann mit Akzent, wie es viele Türken tun. Isch, disch und was sie nicht alles sagen. „Nein, nein, den habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Wahrscheinlich kam dir jemand zuvor“, löschen meine Worte seine feurigen Augäpfel. Ich lächle geringfügig, weil er oft von seiner Heldentat gesprochen hatte, wir aber gewusst hatten, dass er keinen Brand legen würde. Nicht Erkan, dem Fußball wegen der türkisch-deutschen Feindseligkeit auf dem Feld zu absurd war, der bei raufenden Familienbündeln die Augen verdreht hatte. Von meiner persönlichen Regenwolke kann ich ihm nichts sagen. „Was ist es? Hast du das Lachen verlernt?“ Fragen bis man sich ergibt. Oder ausweicht. „Ich habe gehört, dass der Nazi vor zwei Wochen in ein Polizeiwagen gesteckt wurde, fällt mir ein. Miriam hat mir das erzählt. Genau. Vielleicht haben sie ihn wegen seiner Schmiererei an den Wänden und an den Mülleimern bekommen.“ Diskussionen auf diesem Terrain sind weitaus sicherer. „Ja, die Parole ‚Deutschland den Deutschen – Faschismus hat ein Heimatland‘ ist schon ziemlich abgedroschen. Dafür benötigt es keinen hellen Kopf. Die hätten schon viel eher darauf kommen können, hätten sie sich wirklich damit beschäftigt. Aber warte, du hast gesagt, vor zwei Wochen wurde die Glatze festgenommen?“, setzt er erneut ein Fragezeichen an eine Stelle, die mir weitaus angenehmer ist, als meine Inszenierung, über die ich mir noch nicht sicher bin. „Hm, ja, so in etwa. Warum?“ Er lehnt sich auf seinem grünen Sessel nach vorn, stellt die Kaffeetasse auf den flachen Ahorntisch. „Das fragst du?“ Super, ist mein opportunistischer Wert so gering, dass ich nicht einmal eine Frage stellen darf? Daraufhin verdrehe ich die Augen. „Vor drei Wochen verschwand Ismet Güzil. Kurz darauf haben sie ihn mit sieben Stichen in Laub eingewickelt im Grunewald gefunden. Schmiererei, das interessiert doch keinen. Bei dir hätte auch erst dein Blut den Asphalt beschmieren müssen, dann hätten sie ihn sich mal vorgenommen. Aber die Sprüche, die paar Mal, als er dich bedrohte, das interessiert die Bullen nicht.“ Über die Augen hinaus ist er kurz entflammt, spart sich jedoch Holz nachzulegen. „Sei froh, dass du sonst normal bist. Sonst wärst du an Ismets Stelle gewesen. Der kleine Homo. Traurig ist’s trotzdem, irgendwie.“ Beipflichtend senke ich den Kopf und weil ich den harten, abwärtenden Ton bei ihm nicht ertragen kann. Der Regen prasselt auf mich ein und weicht die Haut auf.

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