Freiheitskorps, bewaffnet und gewaltfrei

Geoff

Auf dem Weg nach Schottland passieren wir keine internationale Grenze, müssen kein Geld wechseln. Die Suche nach Antworten verpflichtet an die Orte zu gehen, wo sie zu finden sind. Was ist dran am Nationalismus? Was ist dran an der psychologischen Ich-bin-ich-und-ich-bin-wertvoll-Frage? Eine persönliche Geschichte aus persönlicher Sicht.

Edinburgh. Zwei Stunden zu spät. Ein Freund sitzt noch immer an der Busstation. „Ich muss nur nach was zu Ende zwitschern“, entriegelt er die Umarmung. Das letzte Mal sahen wir uns am entgegengelegenen Fläckchen auf der Welt. „Sieht genau so aus“, sage ich. „Findest du?“ Er blickt skeptisch auf, blickt skeptisch zurück. Es geht um Schottland und Vergleiche sind nicht begehrt. Nach wenigen Metern gibt es kein anderes Thema mehr. Sein Smartphone piept. „Ich will ehrlich sein. Vielleicht bin ich nachher bei einer Operation dabei. Vertikal.“ Er grinst über der Aufschrift auf seinem blauen Shirt. „Fuck aye“, steht da drauf, ein Synonym für yes, please. Aye. Die Schotten in ihrer Sprache. Im Bus hat es oft geklungen, dieses Aye. Meute, fertig zum Entern. Aye. Ja. Aber Yes steht an den Autos, in den Fenstern, an den Haustüren. Das ist Geoffs kreativer Beitrag und darum nirgend sonst zu finden. Zügig gehen wir die Straße entlang und er zeigt in der Nacht auf all die Aufkleber und Schilder, die sich uns noch zeigen. Stolz läuft er durch das Edinburgh, das sonst zurückhaltend und gemütlich wirkt. Der Nebel drückt sich in die Stadt, die Felder und Weiden waren weiß bis alles Schwarz war, wo kein Licht. In der Stadt schillern ein paar Bars, Autos rollen und überrollen uns beinahe, weil wir verschwinden in der mystischen Gesprächswolke um Gerechtigkeit. Auch Vivien Westwood bewegt sich wolkig. Bei der Londoner Fashionweek komplettierte sie die Vorführungen ihrer Models und ihres sogleich durch Yes-Anstecker. Das ist die Bühne, eine andere Wolke, durch die die Sonne blitzt.

Die Bewegungen unten

Hingegen „machen wir das im Grassroots-Stil“, deutet Geoff auf das Gerät in seiner Hand. In den letzten Wochen war zu sehen, was er veröffentlicht. Die Chronik seines facebook-Synonyms, ein alter Ego, aktualisiert sich stetig innerhalb weniger Minuten. Nachrichten werden hinterfragt, Informationen und Fakten geteilt. „Wir müssen die Informationen streuen, die Leute erreichen. Das mache nicht nur ich, nicht nur bei facebook, das machen 100 Leute, 1000 Leute und so weiter in unterschiedlichen Gruppen“, spricht er aufgeregt weiter. Die Divergenz der Stimmung und der Wahrnehmung wird mit dem Augenblick unendlich weit, völlig unterschiedlich, als könne sie sich nur noch von einander entfernen, um niemals wieder zusammenzukommen. Die Dualität unaufhebbar. London. Edinburgh. Eine subjektive Erfahrung.

Dem israelische Kaleidoskopbauer in London ist beizupflichten, ein Urteil ist erst zulässig, wenn alle Fakten bekannt, wenn die Erfahrungen vor Ort gemacht. Wann hat man schon alles beisammen, alles durchdacht und bedacht und sogleich alles erfahren? Im Sinne dieser Mission nutzen die unterschiedlichen Gruppen der Befürworter die sozialen Netzwerke. Vernetzt euch. Die Netzguerilla. Cybernat. Das erinnert an den arabischen Frühling. Die Wahrheit sucht sich ihren Weg und sie kommt von unten, von innen, ätzt wie Lauge die dicke Platte, die deckelt, was geschieht. „Vielleicht hat sich auch der Secret Service an uns gehangen, aber das wissen wir nicht. Die Tories bannen uns. Wir stellen Fragen und ihnen gehen die Argumente aus, weil sie niemals selbst recherchiert haben, kommen sie schnell an ihre Grenzen und wechseln das Thema“, sagt der 50-Jährige in seinem kleinen Zimmer, in einer Wohnung, die er mit drei jüngeren Männern bewohnt. Gemeinsames teilen sie nicht.
Geoffs Suppe brennt beinahe an. Auch die ist außerhalb der Wolke. Als er endlich essen möchte, sieht er die Uhrzeit und verschwindet, ohne viel zu sagen. Nun beginnt die Stadtguerilla. Ich bleibe zurück. Nachdenklich, dann tippend.

Das ist alles nicht neu. Doch die Verknüpfungen sind interessant. Aus den Brennpunkten und der Not der Ägypter, Tunesier, Syrer, Iraner, Chinesen schafft die neue Welt nun ihr Vorgehen. Gleich ist die Revolution, doch anders. Same same but different. Autonmie eines jeden, raus aus der Unterdrückung. Eine alte Geschichte aus Fesseln und Mauern. Fällt damit die Demokratie, die Repräsentanteninstanz der durchsetzungfähigeren, angepassten Minderheit? Ist das der wahre Aufbruch, dessen Bestreiter, Mitstreiter und Beobachter wir sind? Die Illusion von Sicherheit besteht in der Freiheit, in der das Individuum frei ist und keine Sicherheit mehr benötigt, sie nicht konstruieren muss, weil sie ist, Freiheit selbt. Doch an der Furcht vor der Freiheit halten wir fest, wie an der Sicherheit. Erich Fromm bleibt wahr. Es ist ein paradoxer Kreis, auf dessen Linie wir an einem Punkt liegen, um den gegenüberliegenden zu erreichen. Darin die Divergenz. Die einen tun, die anderen ergeben sich. Macht und Devotion. „Das ist der Unterschied. Wir handeln für uns“, versucht der zurückgekehrte Geoff den Vergleich zu entkräften. Doch ist er nicht Teil der Erfahrungen gewesen in den anderen Ländern, hat nicht gesehen oder vernommen, was die Grassroots dort taten, welche Inhalte sie hatten.

Im der arabischen Luft lag die revolutionäre Kraft, die sich ausbreitet, ob gegen Staatsoberhäupter, Systeme, Betriebe, Ressourcenausbeutung und wenn wir um die Ressourcen der Welt kämpfen, kämpfen wir auch um die eigenen, humanen; Rebellion richtet sich gegen Terroristen, Frauenschänder, Kindesmisshändler, Unterdrücker, Diktatur, Oligarchie und richtet sich auf Gleichheit. Es rebellieren Menschen, die vergleichen und zum Anderen das Ungerechte sehen, in dem sie leben. In einer eigenen Ungerechtigkeit. Geoff arbeitete zwei Jahre auf einer Ölplattform vor Schottlands Küste. Zwei Wochen Plattform, zwei Wochen Zimmerlein. Wie ein Kelt schimpft er gern und seine Worte können nicht verwendet werden, um ihn zu zitieren, geben aber deutlich wider, was er von der Arbeit als Ingenieur auf einer Plattform hält. Kurz: nur Schlechtes. Als er nach einem Neuseelandaufenthalt heimgekehrt war, quittierte er. „Ausbeutung. Darauf hatte ich keine Lust mehr“ und der Frust hat ihn ins Politische getrieben.

Im königlichen und politischem Geflecht

Aus der Union auszutreten sei weniger traditionelle, eher eine politische Engtscheidung. Die Yes-Kampagne stützt sich genau darauf: Soldaten im Irak, ein britisches Atomwaffenbot in Schottlands Gewässer, die Industrie wurde Schottland genommen. „Die halten uns arm. Alles geht nach London.“ Und davon ist er müde. „Die Königin ist Elisabeth die Zweite, aber in Schottland hatten wir nie eine Erste“, argumentiert er. Als Elisabeth I. in England herrschte, vertrat ihre Cousine Maria Stuart die schottische Krone unter dubiosen Umständen und mit französischen sowie englischen Verstrickungen. Als die Feindin Maria um Hilfe ersuchte bei der englischen Royalen, nutzte die Königin die Gelegenheit, sperrte sie ein und ließ ihr 1587 das Haupt abschlagen. Doch regiert wurde Schottland dadurch nicht von ihr, sondern erst nach ihrem Tod von James VI., der als James I. den englischen Thron besetzte.

Die Yes-Kampagne ist unabhängig von Salmonds Scottish National Party, die polemisiert wird in den Nachrichten, mal als radikal nationalistisch, mal als radikal kommunistisch. Doch eine unausgesprochene Symbiose liegt im Yes und Salmond, der die Kampagne nutzt, ihr sein Gesicht gibt und sie damit an sich bindet. Darin liegt das Problem, Alex Salmond und James Cameron schlagen sich durch die Medien, doch die, die Yes sagen, sind ganz andere, aus dem linken Lager, für die die Labourpartei ihre Glaubwürdigkeit verloren hat, da sie schon lange nicht mehr links sei. „Diese Parteien arbeiten zusammen in London, aber nicht für uns, nicht für den Arbeiter. Sie repräsentieren uns nicht. Sie stehen uns und Schotten gegenüber“, sagt Geoff. Er kramt einen Hoodie heraus und zeigt seine Front. „Siol nan aidheal“, gälisch, eine Gruppe, die er mit Roter Armee Fraktion (RAF) übersetzt, und dann gleichsetzt. Die habe einst der SNP angehört und sich, als die Partei rechtswärts ging, abgespalten. „So einen Hoodie findest du nur hier“, sagt er und erzählt, das sei eine Untergrundorganisation in Edinburgh. Dabei erwähnt er weder Waffen, noch Terror, noch gewalttätige Guerilla-Aktionen. Er sei Pazifist, hatte einst äußert, vor längerer Zeit. Er trägt Worte und Zeichen auch auf der Straße, was vermuten lässt, dass die extremistischen Methoden aus bleiben. Die weitere www-Recherche ergibt nichts. Vielleicht morgen.

Die Sicht des Anderen

Zudem berichtet er von einer friedlichen Veranstaltung in Glasgow am vergangenen Sonntag, der fünften Protestbewegung gegen verklärende BBC-Darstellungen (http://www.bbc.co.uk/news/uk-scotland-scotland-politics-27123470). Von einem No-Verteidiger sei sie als Mob betrachtet worden. „Der schrieb, das sieht aus wie ein Mob, das ist also ein Mob. Nur weil plötzlich über 5000 Menschen zusammenkamen. Ich schrieb, es ist ein Protest und es fühlt sich an wie ein Festival. Wir hatten Musik da, Theater, keiner wurde festgenommen. Die No-Leute wollen von oben nach unten. Wie sind unten und machen das kreativ. BBC ist nicht daran vorbei gekommen“, endet und beginnt er mit einem neuen Thema. Dem der Medien. Seit einigen Monaten ist er nun gewahr, was die Medien zeigen, welche Ausschnitte, wie sie beschneiden, wie die Redner Unwahres beinahe ungefiltert verbreiten können. „Keine Zeitung ist für uns, die schreiben alle gegen uns.“ In der Kochnische, denn viel größer ist die Küche insgesamt nicht, steht er vor dem Gasherd, wartet auf blubberndes Wasser für den letzten schwarzen Tee mit reichlich Milch und Zucker. Dabei erhitzt er sich, vergleicht die Freiheit in Internet und Medien mit Russlands Zensur. Der Filter der Medien, die Freiheit des Wortes – das sind gern brisante Stichpunkte. Cybernat nutzt die Löcher des Filters. Morgen ist der letzte Tag, an dem legal gekämpft werden darf. Die Brisanz in Geoffs leben hat drastisch zugenommen. Er lacht viel weniger, schweigt manchmal, und wenn er redet, dann nur brisant und zumeist im Qualm, ihn und seine Geräte umgebend wie eine Wolke.
Die revolutionäre Kraft ist durchaus ansteckend, Energie gebend für die Durchsetzung dessen, woran man glaubt. Auch in mir war sie, wollte unbedingt zeigen, was Geoff beschäftigt. Doch niemals mit der Motivation für ihn zu schreiben, für das Yes oder gegen das No. Doch von einem Augenblick auf den nächsten war es still und unbewegt, die Fragen nach Sinn, dem eigenen Antrieb stülpten sich über. Darauf eine persönliche Antwort und große Klarheit, die befreit und sich nicht aus dem Protest speist. Weder ja oder nein, sondern sein, in der eigenen Gerechtigkeit. Fakten folgen morgen.

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