Stimmen in London

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Am 18. Septmeber kann es historisch werden im britischen Königreich. Die Schotten werden darüber entscheiden, ob sie länger der Union zugehörig sein wollen oder nicht. Doch wie ist die Stimmung in London um die Aufregung?

Bewegung in ewiger Kontinuität. Alles andere ist Stagnation und das meint Tod. Die Bewegung richtet aus, was passiert, wie wir handeln, davon oft unfrei, weil der Weg vorgegeben ist. Doch mehr und mehr bewegen sich die Menschen autonom oder verlangen danach. Nationen spalten sich, fügen sich – auf der Suche nach dem Ich und dem Wir, im Protest für Akzeptanz und Selbstverwaltung schätzen die Menschen Tradition und die identifizierende Gestaltung des gemeinschaftlichen Seins. Auf der Suche nach dem Ältesten im Alten gehen sie zurück, gegen die Zeit, und entdecken Weisheit im neuen Wissen, wachsen daran und kreieren den Weg, auf dem sie sich frei bewegen wollen, eingeklungen in dem, was sie sind.

Aus einzelnen Bewegung kann ein Sog entstehen, der anzieht, der wie ein Zug mitzieht, ohne sich dagegen wehren zu können. Die Macht der Masse. Auch aus der Opposition. Der Gegenstrom, den es schon mit Galilei gab, mit der Kritik am Bestehenden.
Das passiert in Schottland momentan. Doch nicht jeder versteht, was dort oben im Norden auf der Insel passiert, nicht jeder erfährt, worum es geht, wer wirklich für die Unabhängigkeit kämpft, so militärisch dieses Wort auch klingt, so oft es vermieden werden sollte, auf dem Schachbrett durchlässiger Grenzen greift die Minderheit ohne König und ohne Königin, ohne Wächter oder Bischoff an.

Die Taktik inkludiert Akzeptanz für das, was man ist, was man (wieder) sein kann allein, ohne die Krone. Auf royalem Boden in London zwischen den Brick Lane Makets, zwischen den Ständen verteilen sich Stimmen unterschiedlicher Herkünfte.
An diesem Sonntag begleitet mich mein Gastgeber, Han. Er ist türkischer Kurde und seit einigen Jahren in London. Mit 15 studierte er, ist in der Computer-Branche und schreibt Software. Das sei Wissenschaft und Kunst in einem, seziert er seinen Beruf. Die Couchsurf-Gemeinschaft brachte uns zusammen. Er liest den Guardian auf dem Smartphone, während ich mit Block und Stift durch die Reihen der Hallen wandle.

Stadtgeflüster

Hinter einem Tisch mit Kopien großer Zeichnungen wandert der Künstler nach links und rechts und wieder in die andere Richtung. Er ist aus Spanien, seit einer Woche in London und liebt es. Was für ihn in Sevilla schwer zu erfüllen, dafür wird er in London akzeptiert, sogar honoriert mit Geld und Worten. Er fühlt sich geschmeichelt. „Das ist unglaublich. Da war in Spanien nicht möglich. Dort habe ich auf der Straße versucht zu verkaufen. Ich fühle mich hier sehr wohl“, sagt er. Die Abspaltungsproblematik kennt er von den Katalanen, die die Genehmigung ihres Referendums erarbeiten. Für den Spanier mit der Liebe zu Details, die er in den Zeichnungen präsentiert, ist die Situation weder in Spanien noch in Großbritannien die Suche nach Details wert. „Wenn sie unabhängig werden, ist das gut. Wenn nicht, auch gut. Die Unabhängigkeit ist im Kopf“, nimmt er hin die Bewegung, wohin sie sich auch ausrichten wird. Er erfährt etwas, das ihm nun anhand des selbst Geschaffen die Macht über sich selbst gewährt, eine Sichtbarkeit, einen Wert, von dem er geträumt hat. Was sich jemand schafft, darf ihm auch zurückfallen als Tauschwert, Applaus, als Schätzung dessen, was man ist.

Einen Stand weiter werkelt ein Kaleidoskop-Bauer an einem Stück Metall. Unter einem Lederhut und in einem Loch Ness Shirt zerknirscht er sein Gesicht defensiv. Er ist aus Israel, aus Tel Aviv. Er protestiert ein wenig gegen Urteile und Meinungen: „Ich weiß zu wenig darüber. Wenn die Leute über Israel sprechen und nur aus den Medien leben, mag ich es auch nicht, wenn sie das tun. Sie haben nie einen Luftangriff erlebt, nie eine Sirene gehört“, erklärt er und ergänzt, dass sie „nicht wissen, was wirklich passiert“. Er hält sich zurück, darüber zu sprechen, was in Israel passiert. Seit ungefährt 13 Jahren pendelt er zwischen London und Tel Aviv. Er ist glücklich und lächelt auch bei Themen, die unangenehm sind. Schließlich sagt er, dass Schottland unabhängig sein solle. „Die Landschaft ist anders, die Sprache ist anders“ sind seine Begründungen. Worauf er hinaus möchte, um den Kontext zu erläutern, ist die traditionelle Vielfalt, die es wert ist, zu schützen und erhalten zu werden.

In einer anderen Markthalle sagt ein junger Brite, es sei nicht englisch, er sei britisch und das wolle er auch weiterhin sein. Auf die Ergänzung, dass es weiterhin Great Britain geben wird, ob mit oder ohne Schottland, reißt er die Augen verblüfft auf. Die Einheit von England, Wales, Nordirland und Schottland scheint für die jüngere Generation untrennbar. Als Eins. „Ich glaube nicht, dass sie es machen. Es macht keinen Sinn“, meint er. Eine Mitzwanzigerin verkauft Tücher aus Indien, nicht die traditionellen bunten Tücher, sondern kariert und schlicht. Sie ist halb schottisch, halb englisch und repräsentiert mit einem englischen Freund die alternative Hipster-Nische. Honecker-Brille, blonder, schiefer, ausgedienter Pferdeschwanz, ein flattriges Hemd. Auch sie versteht den Sinn nicht. „Welche Nutzen hätte das“, fragt sie unverständlich in den Raum, ohne Antworten zu erwarten. „Und würde sich die Flagge dann ändern? Ich mag unsere Flagge. Es ist wirklich nicht notwendig.“ „Was wird mit der Währung passieren“, erweitert ihr Freund den Fragenpool. Er habe das Gefühl, Schottland entferne sich und die Probleme verstärkten sich innerhalb des Landes.

„Die Armen gegen die Armen“, beschreibt es der Besitzer der Art Corner Galerie. „Das ist traurig. Die Schotten werden leiden.“ Mit einem schlafenden Baby auf dem Schoß sitzt er neben der Tür, fast auf der Straße und beobachtet die zumeist jungen Menschen, die durch die Brick Lane strömen, sich vom Strom lösen, um links und rechts den Bächen folgend erkunden, was das Leben der anderen an-bietet. Er wiederholt das Wort anderer: Schande. Für England, für Schottland, für die Union. In vier verschiedenen Befragungen (Opinium, Panelbase, ICM, Survation) zeigt sich das restliche Königreich verbunden und möchte die Union als Ganzes betrachten. Zwischen 47 und 53 Prozent hoffen auf ein Nein bei der Frage „Sollte Schottland ein unabhängiges Land werden“. Den Menschen fehle das Verständnis für die Situation, die Neugier, da sie ihre eigenen Probleme bewätigen müssten, Arbeit verlieren, Arbeit finden, die Miete bezahlen – das würde sie interessieren, stellt der Galerie-Besitzer fest. Zudem sei es ein Machtspiel des schottischen Ministers Alex Salmond, der für die Unabhängigkeit lebe, um seine Macht zu festigen. Salmon ist der Kopf der Scottish National Party (SNP) und sitzt im Parlament. Zwischen ihm und David Camron, einem schottischen Tory, dem Vorsitzenden der Conservative Party und Premierministers der Briten, zeichnen die Medien die verbale Auseinandersetzungen von Ja und Nein auf. Das ist, was die Menschen lesen, sehen, mitbekommen. Ich frage, ob er verstünde. „Nicht alles“, gibt er zu. Er könne nicht nachvollziehen, denn Schottland profitiere beispielsweise vom Gesundheitswesen, müsse nichts zahlen, sie seien ohne bewaffnete Polizei, ohne Armee. „Ich würde nicht in einem Land unter Alexander leben wollen“, sieht er erst zynisch, dann mitfühlend in die Zukunft der Schotten und sagt noch einmal das große S-Wort: Schande.

Entkräftung der Macht

Es ist ein Gefühl von Gemeinschaft, das entsteht wie in einem Freundeskreis, in dem man sich frei bewegen kann, in dem man sich macht und gestaltet, unterstützt, zuhört, zu Wort kommt, diskutiert und respektiert, akzeptiert, kreativ entfaltet, unterstützt, ohne zu bewerten, aber dennoch Meinungen oder gar Einstellungen ausleben kann – ohne Gegenwert, sondern aus Freundschaft, auch hier sind die Grenzen permeabel, ist die Bewegung ungehindert, nur begrenzt vom eigenen Entscheiden. Das ist ein lautes Bestreben, das der Autonomie.

Ein schottischer Bekannter erläuterte via Social Media, bevor ich auf die Insel kam, wovon er überzeugt ist. Von der Veränderung, die sichtbar würde, die mehr Macht für die Selbstbestimmung ermögliche und ermöglichen müsse und das sei wiederum nur möglich in der Einheit. „Ich bin sicher, die Wahl wird das reflektieren. Es ist nur das Zucken eines Muskels“, schrieb er. Er lebt in London, ist aufgewachsen in Tansania, in Indien auf Teeplantagen, der Kilt gehört zu seiner Tradition. Er sagt gern, die Freiheit sei die Kontrolle des Verstandes. Kontrolle ist in der bewussten Bewegung eine klare Sprache, die nein und ja sagt, und den kreativen Weg bestimmt. In dem, was der Bekannte ist, ist er gefestigt, unabhängig von anderen. Alles, was er ist, trägt er mit sich und kann es im sozialen Raum ausleben, belebt regelrecht einen Raum, ist er Tail davon. Eine Manifestation.

Han wartet schon. Er ist neugierig und möchte hören von den Aussagen der anderen. Wir sitzen auf einem Gehweg und diskutieren. Er stimmt zu, dass man nur akzeptieren kann, wofür sich die Schotten am Donnerstag bei der Abstimmung entscheiden werden. In seinem idealen Konzept leben wir in regionalen Selbstverwaltungen, ungehindert von schwammigen Grenzen, beteiligt am politischen System, das nicht Demokratie heißt, sondern Autonomie.

Die Händler räumen zusammen, wir gucken durch ein Kaleidoskop, dass die Welt vor uns in viele Spiegel teilt, sie transformiert, deformiert, zusammenfügt.

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http://lostmonkey.co.uk/

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