Bewegende Töne in den Straßen Edinburghs

free scotlandWird Schottland ein freies Haus, ein freies Parlament, eine freie Regierung? Die Grassroots sind hoffnungsvoll. Die Hauptstadt Edinburgh ist blau und sagt yes, zumindest in vielen Fenstern.

„Scotland the brave“, singt einer auf der Straße. Schwarzer Pulli, voller Bart. Hinten dran läuft einer im grauen Anzug, hager, ein blauer Anstecker am Jackett: Yes. „Wählst du Ja oder Nein“, fragt ein Jugendlicher, der einsam den Gehweg entlang stolpert.

Wie gut die Befragungen und schönen statistisches Kreise tatsächlich die Stimmung widerspiegeln ist indes fragwürdig, ebenso ob sie als manipulierendes Element wirken oder sich auswirken. Die Menschen, die durch Edinburgh laufen, grüßen sich, sehen aus, als wären sie sich einig, um morgen als Einheit aufzutreten, um für die Unabhängigkeit und gegen die britische Union zu stimmen.

„Die Leute beginnen nachzufragen“, sagt Deidre Brock. Sie besetzt im Stadtrat einen der 58 Sitze und repräsentiert die Scottish National Party (SNP), die insgesamt mit 17 Räten vertreten ist – die zweitstärkste Kraft in Edinburgh, die stärkste Instanz in Schottland mit 65 Vertretern im schottischen Parlament. Darum stellt der Kopf der Partei Alex Salmond den First Minister und vertritt mit 58 Schotten das Land in London. Das Land als eigener Staat. Darauf hofft Brock und fühlt sich sicher, dass die einmalige Gelegenheit in ihrem Leben genutzt werden würde. Im Büro der Yes-Kampagne treten freiwillig Engagierte hinter ihren politischen Status, hier treffen sich Menschen aller Parteien Schottlands und auch die der politischen Verweigerer.

„Sie alle glauben an die Kampagne“, stellt sie überzeugt fest. Das Wahlsystem, das sich auf ehrenamtliche Helferhände stützt, sei noch nie so erfüllt gewesen von der mobilisierten Kraft wie zu diesem Referendum. Die Tür schließt beinahe, und öffnet sich schon wieder. Hin und wieder wird sie nicht mehr zugezogen, sondern bleibt geöffnet, starr, um das Ein und Aus zuzulassen oder die Menschen in der Reihe nicht   zu trennen. Es sind junge und alte pilgernde Menschen, zwei sprachen bisher deutsch, ein spanisch sprechender sei auch unterwegs. Sie nehmen sich die Päckchen mit den Flyern oder Wahlkarten und verteilen die Blätter auf ihrer Route, sprechen mit den Leuten, informieren sie an Ständen. Dann kommen sie zurück, suchen sich eine neue Route und weitere Stapel. Kaum setzt sich jemand im Büro hin, steht er oder sie schon wieder auf, um Fragen zu beantworten, zu suchen, zu helfen. Die Kampagne wirbt bis in und durch die Parteien mit der schottischen Gemeinschaft. Und das ist sie auch. Wird sie es bleiben können? Die Menschen „glauben an Schottland. Sie sind so viel gewahrsamer“ und darum glaube auch Brock daran.

Geschichte ist gestern und heute

„Das sind aufregende Zeiten. Die Leute wachen auf“, fügt die Politikerin mit begeisterter und erleichterter Stimme hinzu. Erleichtert weil sie am letzten Tag des Wahlkampfes sind, darin gestresst, weil es eben der letzte Tag ist, aufregend, endlich, endgültig. Was morgen geschieht ist außerhalb der Kontrolle. Die Kontrolle ist das, was die Kampagne wiederum erwartet. Es ginge um die Kontrolle der eigenen Entscheidungen, um sich von der regierenden Zentrale in London befreien zu können. Seit mehr als 150 Jahren geht es darum. Nachdem die Königreiche zusammengelegt worden sind, wuchs für die Schotten ein Nachteil. Das Land der Arbeiter wird regiert von einer Krone, die entfernt hauptsächlich die Belange der Engländer repräsentiere, die Schottland seit Queen Victoria als Reiseland benütze. Die Schotten fühlen sich nicht gerecht behandelt, seitdem sie die Highlands räumen mussten, um in den Ballungszentren zu arbeiten, jedoch kaum Rechte auf Selbstorganisation erhielten. 1885 schon entstand das eigene Ministerium Scottish Office, nach dem ersten Weltkrieg wurden Rufe lauter, sie forderten home rule, eine eigenständige Regierung, wurden ruhiger mit einem Staatssekretär und der damit einhergehenden Richtung gen verwaltender Selbstbestimmung, Devolution. Gesundheit, Landwirtschaft und Erziehung – darüber sollten die Schotten nun selbst bestimmen können.

Die Frage nach dem Gesundheitswesen ist polarisierend, besorgt die Wähler. Die Regierung spricht von Nachteilen im gesamtbritischen National Healt Service (NHS). Doch die Gesundheitswesen sind getrennt. Das der Waliser ist nicht das der Engländer nicht das der Schotten und nicht das der Nordiren. Mit den gewährten Freiheiten verlangten die Schotten nach weiteren, wollten weiten ihre limitierten Räume. Bis morgen, vielleicht. „Das ist die wirkliche Möglichkeit für Veränderung“, bekräftigt Brock das Vorgehen der vereinenden Initiative, die sich vom Fundraising und Spenden erhält. Eine konsequente Devolution wird nicht mehr debattiert. Dafür sei es zu spät, äußern sich mehrere Ja-Sager, denn Westminster hätte die Chance(n) nicht wahrgenommen. Tatsächlich ist die No-Strömung kaum zu entdecken. Erst spät hat die Kampagne reagiert, erst so spät, dass es womöglich zu spät gewesen sein könnte. Einzelne Sticker, vereinzelte Anstecker, wenige Straßenaktivisten in Anzügen, die kopflos durch die Gassen irren. Im Büro wird gemunkelt, es seien Engländer, die extra nach Edinburgh gekommen seien. Die Stadträtin meint, es sie die Suche nach antwortenden Informationen und das Engagement der Einzelnen, dass es unmöglich mache wieder im alten Verdruss zu leben. Und diese Entscheidung sei schließlich „der schnellste Weg für Veränderung“.

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