karge gesellen

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Text:

Liebe Gesellschaft,

ich beobachte dich aus der Ferne. Und was ich beobachte, das gefällt mir ziemlich gut. Du bist wohl genährt und noch wohler gerundet. Wärst du auch die Hülle einer Frau, die fleischige, feinporige Phantasie des durchschnittlichen Mannes, wäre ich sehr neidisch. Äußerst neidisch (um es in deiner hyperbolischen Sprachnutzung auszudrücken), denn es gäbe Gründe, unzählige genug. Ich wäre neidischer als auf den geschundenen, blutenden, ausdarbenden Körper einer Hülle der syrischen Gesellschaftsform beispielsweise. Völlig klar und einleuchtend. Du sähest also verdammt gut aus. Das müsste ich zugeben. Das könnte ich nicht leugnen. Das zöge mich an. Selbst als Frau. Ich könnte mich deiner Gestalt und deiner Kraft nicht entziehen. Ich kann deiner Illusion nicht entkommen.

Doch noch stehe ich fern, obwohl du mich schon eingesogen und in dir aufgenommen hast. Von Beginn an. Und ich habe nicht einmal mitbekommen, dass ich naiv deiner Kunst erlegen war. Denn ständig habe ich versucht und versucht, Platz darin zu finden. Es schien mir, als würdest du dich wehren wie gegen einen Triebtäter, der dich erst verbal, dann physisch mit seinen stierenden Augen und grabschenden Händen entkleiden, später anderweitig in dich eindringen wollte. So bin ich nicht. So würde ich dich niemals behandeln. Deswegen schmerzt dein Verhalten, wenn du kratzt, beißt, wütest, nicht nur äußerlich. Du hast damit nicht nur meine Haut zerschlissen, meine Haare an sämtlichen Stellen brutal herausgerissen; du hast Wunden und Zugänge nach innen gegraben. Zugegeben ich bin nicht immer nur nett, denn du weißt, wessen Schwester das ist. Die möchte ich keinesfalls sein, denn das geht in niemandes Kopf hinein.

Nachdem ich mich umgedreht hatte, machte ich mir Gedanken darüber, was ich ändern könnte, was nicht stimmen würde, warum du mich nicht aufnehmen würdest. Ja, das war nicht fein, aber das weißt du inzwischen vielleicht allein. Ich überlegte und beobachtete, versuchte in deinem Resonanzraum zu verweilen. Du solltest mich nicht vergessen, solltest nicht vergessen, was du mir angetan hattest. Aus meiner Entfernung zu dir, wird mir nun bewusst, ich war schon lange nicht mehr in mir. Zur Abwechslung versuche ich das und ich bin darüber überrascht, wie gut es mir gefällt. Ich fühle mich freier und ich fühle mich glücklich. Das wird mir bewusst. Sogar sehr eindrücklich. Du wirst unscharf, verschwimmst in einer Mär aus Farben, bist etwas gewesen, wovon ich endlich weiß, du hast mich getreten und du hast mich gepackt, um mir zu zeigen, was in dir wühlt und wo es bei dir hackt.

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