Gekommen(,) um zu gehen

In der modernen Gesellschaft. Unter modern verstehe ich: think global, be connected, be different, feel free, care free, aber bitte denk an: Aids. Also mach’s mit – überlegt der Mensch, wo komm ich her? Wo geh ich hin? Wer bin ich? Und verdammt noch mal, wo bin ich eigentlich jetzt? Und was mache ich? Wir kommen doch nur hier oder dort oder anderswo hin, um wieder abzudanken. In diesem Dilemma stecken wir fest – bis tieeef unter der Erde. Ohne Haut. Und vorher noch mit. In mancher Haut möchte man nicht stecken. Genauso wenig wie in einem Schwein. Doch da, wo es Spaß macht, da möchte man rein. Möchte genieeeßen.

Denn während wir noch atmen, kommen wir, wenn es uns gefällt. Oder eben auch nicht. Mit der Haut des Ersten möchten wir leben. Spaß, Spaß, Spaß, Freude – enjoy und gönn dir ein Pick up. Lehn dich zurück und genieeeß die gute Zeit. Das Hier und Jetzt. Mach dir keine Sorgen, stell keine Fragen, aber bitte denk an: Aids. Du lebst nur einmal und zwar jetzt. Nichts spielt eine Rolle: kein Geld, kein Sparbuch, kein Riester. Warum auch, wenn alle anderen alles bekommen? Opel, Porsche, Wulff oder: Riester. Gib es also aus. Sofort. Und gönn dir was. Tu dir was Gutes. Du. Hast es verdient.

Stets wird gesagt: früher war alles besser, die guten alten Zeiten, die Jugend von heute, habt ihr nichts Besseres zu tun, was fangt ihr an, was wollt ihr tun, macht ihr so weiter, sind wir nur noch Brote, früher war mehr Lametta, früher gab es einen Konsum, heute stehe ich bei Kaufland, real, rewe oder Lidl und kann mich nicht entscheiden: Mischbrot, Weißbrot, Dinkel-Roggen-Vollkornbrot. Nichts ist für die Ewigkeit: kein HundM -Slip, kein Schuh von Salomon, kein Lion und Hello Kitty hoffentlich schon gar nicht. Willkommen in der Obsoleszenz. Willkommen in der Welt. Hier wird verkauft, um zu verkaufen. Hier wird konsumiert, um zu konsumieren. Alle haben was davon, aber bitte denk an: Aids. Überfluss und Massenwahn. Mainstream, Mainstream – alles soll für alle gelten. Gleichberechtigung für Frauen, Männer, Kinder, Schläger, Punks und Pazifisten, Gläubige und Extremisten. Alle sollen kaufen. Ein Kreuz, einen Schläger, einen Bonbon und ein bisschen TNT. Ritalin, um alle Reize zu ertragen. Das hilft immer. Das Beruhigt und gibt dir den Fokus.

Scheuklappen und Tunnelblick geben dir die Perspektive. Im Tunnel strahlt die Sonne. Dunkel. Im Tunnel pulsiert die Welt. Spezifisch. Im Tunnel kultiviert die Menschheit. Angepasst. Vielerlei wird zu Einerlei. Alles ist vorgegeben. Alles wird erworben. Alles wird nah. Alles bleibt konserviert. (Kulturen werden zu Einheitsbrei, Kultur wird käuflich, wird Konsumgut, entkoppelt für Kommerz.) Bis, bis die Welle des Tunnels bricht. Und du merkst im Strudel den Sog der Masse. Du kämpfst und kämpfst. Schwimmst gegen den Druck, gegen die umarmende, ziehende Kraft. Du bist oben. Erschöpft. Allein. Frei. Erkennst unbegrenzte Sicht. Unbegrenzte Möglichkeiten. Eine un-be-grenzte Welt. Frei von Ware. Frei von Ablenkung. Frei für Gedanken. Nur du und diese off-en-e Weite. Und jetzt, gerade jetzt, bitte denk an Aids, denk an Malaria, denk an Bush und Massenvernichtung. Denk an Wahn und Wahnsinn und Irrsinn und all den Unfug der verrückten Richtungsweisenden. Und im nächsten Augenblick bist du frei. Denn alles ist neu und Verlust bestätigt Atlantis. Offenes Denken im weiten, blauen Nass.

Moment mal, ich mag gar kein Wasser. Diese Wucht, die ich nicht kontrollieren kann, den Sog, der nicht einzuschätzen ist, die Kälte, die nicht vergeht, oder die pisse-warme Brühe, die mich an das Bassin Gebärmutter erinnert. Ich kann weder schwimmen noch tauchen. Schon als Kind hasste ich das Abtauchen unter dem Wasserstrahl, um die Haare gewaschen zu bekommen. Deswegen wohne ich mit einer Dusche. Hier bequem in Neukölln. Keine tosenden Wellen und kein tief tiefes Gewässer. Für die Metamorphose muss ich nicht einmal ins Wasser. Ich muss mein Zimmer eigentlich nicht einmal verlassen.

Ich arrangiere Künstliches über Natürlichem. Plastiksterne zieren meine Zimmerdecke. Sie leuchten in der Dunkelheit. Der große Wagen, Orion, ein Parallelogramm – wir imitieren, was uns die natürliche Schönheit vorgibt. Die Natur. Aber mal draußen unter der Milchstraße nächtigen? Nee, das geht zu weit. Zwischen den Tieren. Zwischen den summenden Flügelschlägen der Mücken, ihren gierenden Rüsseln und ohne bequeme Liegefläche. Es gibt doch traumhafte Matratzen. 5 bis 7 Komfortzonen in Kaltschaum, die sich dem Körper anpassen. Himmlisch. Dann ist man nicht unter den Gestirnen, sondern teilt sich den Platz zwischen ihnen auf den Wolken. Da draußen ist man in Plastik gehüllt – ein Kokon um ein Würmchen. Und jetzt, jetzt denk ich an Aids. Dabei ist nicht einmal mehr der 1. Dezember.

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