Gleich-es im Ungleich-en

Der Eingang

Gleichen Schrittes gehen sie und er die Stufen hinauf. Er öffnet einen Flügel der imposanten Pforte für sie. Schnörkel aus Messing glänzen über vier Meter Höhe. Er meint es gut, weiß er, wie schwer das Metall wiegt. Sie geht an ihm vorbei, dankt ihm kopfnickend und freut sich auf die gemeinsame Zeit dahinter. Gemeinsam, wieder gleichen Schrittes, schlendern sie einander an den Daumen haltend durch einen schmalen aber sehr hohen Gang, dann sind sie in der Vorhalle wie viele andere auch. Alles, das draußen existiert, ist hier nichts; eine ruhige Stimmung, freundliche Menschen, meint sie. Sie ist in diesem Gebäude das erste Mal.

Eine Führung

„Was ist Kunst?“ – „Ah, Kunst ist Ausdruck, Befreiung. Kunst ist Anklage, Kritik. Die Suche. Wie der Wissenschaftler sucht der, der Kunst schafft, nach Antworten, nach dem Kern, befragt das wichtigste Instrumentarium – sein Gefühl. Wer fragt die richtigen Fragen? Die Antwort: der, der Wahrheit findet, denn die ist’s, die uns zusammenhält.“ Seine Hände formen einen Kreis im Nirgend. Jeder erkennt die Form und sieht einen runden Ball vor dem inneren Auge als tatsächlich existierend. Er sieht in ihre Augen und entscheidet nicht weiter zu verweilen.

Der Ball bleibt im Raum und erhält Färbung. Dunkles Grau, schwebend. „Erinnerst du dich an den Film, den wir im letzten Sommer gesehen haben? Der spielt in Paris. Ein Pärchen – oh ja, Owen Wilson war darin, das weiß ich noch, weil ich überrascht war, dass mir ein Film mit Wilson so gut gefallen hat –, ja, die spazierten durch den Park und plötzlich standen sie in einem Monet. Wie verwandelt in Raum und Zeit zurückgestellt. Sie waren das Bild! Und er spricht darüber, als wäre es normal. Und eines Nachts verschwindet er in den Zwanzigern. Hm, wie hieß der Film nochmal?“ Sein Gesicht verzieht sich zu einer suchenden Schnute, die Nase spitz, die Lippen und Augenbrauen gepresst. „Ah ja, jetzt weiß ich es wieder. Liegt so nah. Manchmal ist man dafür einfach zu blind. Hörst du mir überhaupt zu? Hörst du mich?“ Er sieht zur Seite und bewegt seinen Kopf auf ihren zu. Sie ist nur wenige Zentimeter kleiner und als sie ihren Kopf zu seinem dreht, berühren sich beinahe die Nasen. Ihre Augen sprechen zu ihm, sie benötigt keine Worte. Der Ball löst sich auf als Nichts im Nirgend. Er grunzt. Menschen runzeln die Stirn. „Ja, ich bin ja schon ruhig!“ Sie runzeln weiter, einige verdrehen die Augen. Doch dieses Gefühl, anteilig zu sein, lässt ihn nicht los. Als schmälzten die Bilder von den Wänden, verschmölzen mit der Realität, was immer wir Realität nennen, denkt er im leisesten Klangraum seines Kopfes. Und dann ändert sich alles um ihn.

„Die Kunst, die Bilder sind die Sicht der Schaffenden, der Kreativen. In der Romantik versuchten die Menschen den Schmerz, das Gefühl mit Substanzen zu betäuben. Schriftsteller befreiten sich zudem durch Suizid. Wahrlich es gibt auch Maler, die das taten. Aber anders als zu der romantisches Zeit sollten Drogen öffnen. Was sie hier sehen ist nicht alles eine Illusion. Es ist auch Realität.“

„He he“, er lacht auf und lächelt darauf, um zu unterdrücken, was sich da als Laut zwischen seine Lippen pressen möchte. Im nächsten Raum sind einige Bilder Pablo Picassos. Die blaue Phase. So schwach, meinen einige. Auch hier schmelzen die Bilder in ihren Rahmen, tünchen die Wände in Nuancen. Alles blau, denkt er. Wie zauberhaft und sonderbar. Was bedeutet blau schon? Ich hoffe, also bin ich? Wieder lacht er, dieses Mal in sich hinein, so dass das Zwergfell zuckt. Das Licht ist blau, die Wände ohnehin, ihr Shirt, ihr Tuch, meine Hände. Könnte ich doch nur in einen Spiegel sehen! Ich bin blau! Er atmet tief ein und wischt die Tränen unter den freudigen und ungläubigen Augen auf den Handrücken, wo sie bläulich schimmern. Ist das eine Illusion? Hat Picasso wirklich anders gesehen? Ist es also irgendwie eine Art von Realität? Einfach ein paar Frequenzen des Lichts abstellen und schon sehe ich weniger und damit mehr? Ich fühle mich wirklich blau, völlig konfus. Mittlerweile steht er allein in der Mitte des Raumes, sieht in Kreisen und versucht seinen Blick herauszubrechen. Eine Stimme, die dem nächsten Thema zuläuft, erreicht ihn und zieht ihn aus dem blauen Meeresraum. Er schüttelt die Hände, die wieder in ihrer eigentümlichen dunklen Bräune für seine Augen sichtbar sind. Sie deutet auf eines der kubistischen Bilder und schon dreht sich alles erneut in ihm. Farben, puristische Gestalten, die aussehen wie die Puppen, die beim Zeichnen helfen sollen Formen und Proportionen darzustellen, treten heraus und spielen Gitarre. Etwas verändert sind sie schon. Sie sind sechseckig, haben aber auch keine Gesichter wie diese hölzernen Puppen. Einige haben keine wahre Gestalt. Nur schwerlich erkennt er, was sie sein sollen. Was haben die Maler eingenommen? Wie kommt man sonst darauf so zu zeichnen? Irgendwie sind die doch inspiriert worden. Öffnung, ja, ja. Total verrückt. Kunst zum Anfassen.

„Hier ein Beispiel dafür, wie die Realität manifestiert werden kann. Einigen scheint das vielleicht surreal oder sie halten es für eine Spinnerei, einen Trug oder mich für wahnsinnig!“ Er lacht ein geschaffenes Lachen für die Zuhörer und Schauenden. Töne, die sich von seinem Standpunkt ausbreiten und alles und jeden bis ins Unhörbare durchdringen.

Rechteckige Zähne, sehe nur ich das? Ist das noch real oder auch schon Kunst, was der abliefert? Ja, diese ewige Frage. Was ist schon und was ist noch Kunst? Was zum Teufel… Sie fasst ihn bei der Hand. All die Figuren verblassen. Ihre kalten Finger frösteln ihn und eine Kältewelle vibriert durch seinen Körper. Seine Pupillen fallen in sich zusammen, aus dem leicht wirren Sinn wird schwerer Starrsinn. …passiert hier? Alles nur Einbildung, bespricht er sich im Inneren mit bewegten Lippen. Sie meint ein gemeinschaftliches Interesse in ihm entfacht zu haben. Immerhin redet er nicht mehr, hinterfragt nicht, hört zu, hat einen neugierigen Blick zu dem, was gesagt und gefragt wird. Doch ist das nur ihre Ansicht, so mal sein Blick nun trüber ist. Das nimmt sie allerdings nicht wahr. Sie denkt, sie kennt ihn und kann in ihm lesen, wie sich was in ihm bewegt, was ihn zerstreut oder zusammenhält. Dabei interpretiert sie ihr Leben in seinem – eine Manifestation ihrer Realität, die sie in ihm spiegelt, während ihn das Andere fernab seiner Realität erreicht. Sobald sie ihn frei gibt und ihre Hand seiner entzieht, während sie ihn berührt und sich nicht versagen kann.

„Einige Menschen sagen, sie verlieren sich in den Bildern, die sie besonders anziehen würden. Als würden sie auf einer sogenannten Wellenlänge, auf demselben Vibe, mit dem Schaffenden schwingen, verstehen ohne zu fragen, ohne zu interpretieren.“ Er sieht das Pärchen an. „Nur sehen und verstehen.“ Er bewegt sich fort, hält die Hände hinter seinem Rücken verkeilt, löst sie für den nächsten Augenblick, als er sich der Hörerschaft zuwendet und öffnet und wie der verrückte Hutmacher den Zeigefinger neben sein Gesicht hebt und voller selbstbewusster Freude hinzufügt: „Wie Alice durch einen Kaninchenbau fallend im Wunderland verschwindet!“ Mit seinen Füßen wippt der Finger. Dann vergeht das nicht mehr wippende Lächeln; er dreht sich wieder um und verzahnt die Finger erneut am unteren Ende seiner samtigen Jacke.

Nach dieser Aufführung beginnt sie zu lächeln und betrachtet dabei seine Mimik, erwartend, er würde mit ihr teilen, was sie als Komik begreift. Doch nichts. Er sieht nur starr vor sich hin. Sie schreckt zurück, wird unsicher und ihre Hand gleitet aus der seinen. Beschämt sieht sie sich um, entdeckt ein grinsendes Gesicht und fühlt sich verbunden, richtig, sicher – wenn auch allein. Entfernt von ihm trottet sie in der Menge, um weiterhin gemeinschaftlich die nächsten Räume und in diesen die realen und illusorischen Artefakte zu begutachten. Sie sind beides. Immer. Und darum eins. „Aus dem Bewusstsein geschaffene Illusion, deren Verwirklichung wir als Realität konstruieren“, murmelt er mit gesenktem Kopf.

Der Ausgang

In der Vorhalle blickt er über die Schulter zurück zum Flur, von welchem zwei Räume abgehen, und sieht bunt und ineinanderlaufend, auch die Figuren bewegen sich aufeinander zu und werden in ein Loch gesogen. Er sieht nach vorn, was ebenfalls zurück bedeutet. Nebeneinander gehen sie durch den hohen Gang, der ihre Schritte auf den Dielen gedämpft zurückwirft. Er öffnet den Flügel. Sie dankt nicht, beobachtet nur still ihre Füße. Auf dem Absatz atmet er tief ein, verschließt die Lider. Sie drängt zu gehen mit einem intensiven Schnaufen. Doch er bleibt, für sich. Auf der Stufe vor ihm schließt sie die Augen, verdunkelt die Pupillen, um nicht sehen zu müssen, nicht ertragen zu müssen die Wirklichkeit. Sein Atem trifft auf ihren Scheitel. Er öffnet die Augen. „Alles ein Trugbild?“, fragt sie laut für sich.

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