Over the ocean

Singende Menschen. Ihre Augen glänzen und dicke Tränen rollen über ihre runden Wangen. Sie liegen sich in den Armen und können Ungaubliches nicht akzeptieren. Einige drehen sich um, wollen nicht wahrhaben, dass sie das Land hinter sich gelassen haben. Die Emotionen befreien eine schwelgende Illusion, in dessen Dunst sie treiben. Freiheit. „Freiheit, Freiheit, Freiheit“, ruft einer aus der Mitte. Liberté. Die Stimme wird von den Wellen getragen, einige plätschern am Bug, andere, viel größere eilen dem Boot voraus und werden auf horizontener Höhe flach, wie die Stimme. Und dann, nichts mehr. Dahinter, das wird sich noch zeigen. Weitere Wellen, ein anderes Land, unendliche Freiheit, sanfte Klänge, Tanz, unbeschwerte Lebenslust oder doch der Tod der Sonne, die hitzig zwischen den Dunst strahlt und alles verbrennt, austrocknet, das Leben verdorrt wie ein Schwein am Spieß, das hängt über einer Flamme, dessen Haut knusprig gebraten und dessen Fleisch saftig gegrillt werden. So rotiert es rhythmisch über der Hitze, der Bauch, die Lenden, der Rücken, die Ohren haften am Kopf, aus dem die eiserne Stange ragt, auf der anderen Seite durch den Anus bricht. Und die Menschen mit dem Anus auf Holz nur knapp über dem Meer sitzend heben und senken sich im Rhythmus über das, was das Wasser ihnen vorsetzt, wovon die Wellen auf langer Reise abhängig. Über das, was kommen könnte, haben sie nicht gesprochen, aber jeder hat daran gedacht. Der mit der grauen Kappe auf dem Kopf, rotzig ist die Nase, noch nie hat er geweint, aber jetzt, jetzt kann er nicht aufhalten, wofür er früher nicht den Mut hatte. Höhnisch gelächelt, angefasst an Lippen, Hüfte und Glied, geschlagen genau dort, wenn er nicht wollte, nicht konnte, blutend in dem dunklen Raum, in der Gasse liegend, wenn sie unzufrieden waren oder nicht zahlen wollten. In den Narben liegen seine Gebete und die Tränen fallen aus den vollen Säcken in das Wasser, das sie umspielt, ihnen keine Kontrolle erlaubt, nur Vertrauen in das, was es ihnen ermöglichen wird. Er vertraut, nicht ohne Zweifel, hat er doch gehört, welche Macht in den Mauern des Meeres, bauen sie sich auf und brechen über einem Kopf zusammen, liegt. Für ihn ist der ultimative Lebenstraum erreicht. Er ist weg vom Feuer, den Schreien. Es ist ruhig. Keine Schüsse, keine Bomben oder Granaten, keine Düsen von Flugzeugen verlauten Alarm oder Panik oder Angst. Dafür werden Leichen gestapelt, Städte rauchen nicht etwa aus den Schornsteinen, sondern aus den Trümmern darum, Menschen weinen aus Verlust, aus Erschöpfung, aus Verzweiflung, aus Schmerz und dennoch Erleichterung. Für den Moment, um sich zu sammeln, zu wissen, wo nun hin, wo dem nächsten Angriff entkommen. Er sitzt zwischen Trümmern eines Hauses, dessen Wände einst erschüttert wurden. Ein Dach ist längst nicht mehr da gewesen. Das war zersplittert, lange bevor er die abschottenden Überbleibsel finden konnte. Und zwischen den Spalten in den Wänden ist zu sehen, wie trocken und porös das Land, wie zerbrechlich und verwüstlich. Staub. Dann grummelt und brummelt es, die Luft zerreißt vielmals durch schwarze kleine Kugeln und dunkle Vogel Strauß große Eier. Der Hagel fliegt seitwärts, die Eier kommen von oben. Er sucht Schutz in der Haltung, die uns als schützend bekannt ist, die wir mit unserer Entstehung im schützendsten aller Orte eingenommen haben. Embryonal kringelt er sich zusammen. Doch um ihn ist nicht die Gebärmutter, die panzert und hilft im Inneren mütterlicher Kraft. Die Wände zittern und fallen, schlagen und brechen auf ihm bis er begraben von altem Lehm aus lebendiger Erde. Allein. Er liegt umzingelt von Gebrüll und Geröll, unsichtbar für die nachlaufende Patrouille. Eine Hand schiebt sich auf die seine, ein Lächeln zeigt ihm wahre Freude. Wieder sitzt er unter des Himmels Allmacht, aber eben nicht allein. Wenn sie sich kringeln, kringeln sie sich gemeinsam und nicht der Gefahr wegen, sondern aus Müdigkeit und dem Bedürfnis heraus füreinander zu sorgen. Hier können sie nicht entkommen. Hier sind sie eins. Und müssen es auch.

Im Flug über ihnen, weit oben, sieht des Beobachters Auge, sie schaukeln zwischen blau im Blau. Große Makrelen, wie sie nur die alten Fischer kennen, die erfahren entfernt vom Ufer und ohne Sicht auf das Land die Netze auswerfen, schwimmen in Schwärmen unter dem Kiel. Auch sie sind blau und dunkel.

Der, der den Fuß verloren hat, ein Bengel von nicht einmal elf Jahren, drückt sich an den Rand weit hinten am Heck und lässt die Hand über des Meeres Oberfläche gleiten. Die Finger sind weiß, vom Salz bedeckt, denn hin und wieder tauchen sie ab, wenn die Welle hoch treibt und er unachtsam weit in die Vergangenheit blickt. Die Makrelen tauchen ungehindert ab. Er lehnt das Getränk ab, das sie ihm reichen, und sieht nicht einmal hin. Sein Kopf liegt auf dem dürren Arm und wackelt mit der Bewegung, der sie nachgehen, zieht sie das Meer in seine Richtung. Gemeinsam sitzen sie am Tisch und sprechen ein Gebet. Er beginnt zu lächeln, denn die Worte waren und sind noch wirr und unverständlich für ihn. Er weiß nicht, was dankbar bedeutet oder wer der Allmächtige ist, warum sie die Hände falten, fest zusammenhalten, ihre Lieder zusammenkneifen, den Kopf senken, ihn sogar von den Händen stützen lassen und vor sich murmelnd unverständlich über weiche Lippen hauchen. Weiterhin lächelnd sieht er über die Tischkante, soweit er darüber sehen kann auf flachem Stuhl und mit geringer Größe eines Kleinkindes, was die Alten und Jungen tun allabendlich an den Tagen der Barmherzigkeit. Es folgt ein starkes Amen aus den Mündern aller, auch von ihm, und sie beginnen zu essen, zu reden, erst noch gemäßigt, doch bald darauf sich steigernd bis sie einklingen im Schir ha-Schirim, dem Lied der Lieder, worin er sich zurückzieht und erfreut, ein Stück Brot mit den Zähnen festhaltend und dann zerreißend. Die Zunge mischt aus gemahlenem Weizen und Speichel einen mehligen Brei. Ungewarnt stößt ein Ungesehener die Tür auf, die gegen die feste Mauer prallt mit lautem Knall. Und ein Weiteres knallt. Aus den schnatternden alten und bassigen Stimmen wird hohles Kreischen. Somit das Schreien beginnt. An Haaren und Armen werden seine Schwestern und Cousinen in ein Nebenzimmer gezogen. Er versteht nicht, kein Wort, die Sprache ist ihm fremd. Er sieht zu, wie einige auf den Boden fallen und nicht wieder aufstehen, wie andere versuchen auf die großen, mit Leinen und Tüchern vermummten Menschen einzureden. In den unverhüllten Augen erkennt er den Glanz, der sich wie ein Strahl fortsetzt und vernichtet gleich des erbarmungslosen Frosts, von dem ihm berichtet in Sagen der fernen Berge und Wanderer. Und es knallt und knallt und knallt. Er sitzt noch immer auf seinem Stuhl, die Tischplatte teilt das Bild in laufende sowie stoppende Beine und in Hände, die greifen oder mit Messern ausholen. Aus dem Mund quillt das nasse Brot. Taub. Schreie hören auf und kehren nicht zurück, Schreie werden lauter und hören nicht auf. Nun greift auch jemand nach seinem kleinen Körper und legt ihn sich über die Schulter. Nochmals tritt der weiche Brei über seine Lippen, er verliert ihn über dem Rücken des Fremden. Es erlischt die Freude, er ruht abwesend, tranciert – das ist kein luzider Traum, den er gestalten kann. Das ist wahr. Von dieser Wahrheit hat er oft geträumt, er-fand stets heroische Rettungspläne wie scharfe Zähne oder Flügel eines Kranichs. Tranquillité. Er schläft ein. Auf dem Arm rollt sein Kopf, seine Lippen sind trocken von der Hitze und dem Salz in der Luft. In seinem Stumpf pocht die schmerzende Einsamkeit. Ein Schrei weckt ihn, mit einer Waffe in der Hand stürmt er hinter anderen Kindern in ein Haus und bei dem sich klärenden Bild vor müder Sicht hält er inne. Knall. Er fällt. Und steht nicht wieder auf. Unscharfe Ränder, Konturen werden deutlicher; wenige Zentimeter vor ihm neigt sich in wenigen Millimetern ein hölzerner Splitter zur Sonne, abgespalten von den Ringen, die den Baum für das Boot alt und dick werden ließen. Spielerisch hält er den Finger darüber, drückt auf das spitze Stückchen und erschrocken zieht er den Finger zurück. Die Robustheit des alten Baumes setzt sich gegen die sensible Haut des Kindes durch. Mit gekünstelter Wut entreißt er den Splitter und wirft ihn in das Meer, das ihn füllt und aufnimmt. Sinkend gerät er tief in die Seele der Erde, vorbei an Makrelen und Pottwalen ins Dunkel, scheinend durch manches kleine Licht.

Helios verabschiedet sich, nimmt nach dem Schweif seiner Flamme die letzten rosigen Farben mit und hinterlässt wie in der Tiefe des Meeres das Nichts, in dem alles dem Tag Entgegengesetzte. Nachts glitzern die Sterne, einige funkeln und andere fallen in die Unendlichkeit.

Die mit dem langen schwarzen Haar liegt wach, sich auf den Rücken drehend stößt sie im dunklen Himmel verloren an welche, die sie einengen, merkt es aber nicht. Dumpf. Sie fühlt sich viel zu klein und viel zu verbunden mit dem, was da über ihr e oder geschehen könnte, kann sie doch nicht sehen, was tatsächlich geschieht, kann sie nur ahnen mit begrenztem Wissen darüber. Und weil die Grenze fast schon erreicht, stickt sie bald mit unsichtbaren gelben Faden von einem zum nächsten hellen Körper auf dem grenzenlosen Tuch, das sie und das Meer umhüllt, bis sie an sein sichtbares Ende oder dessen Anfang zackige Ränder einarbeitet. Wenige sind wach. Einige schnaufen oder schnappen nach der feuchten Luft, die sich mit tiefen, triefenden Geräuschen mischt. Neben ihr, hinter der Bootswand auf Steuerboardseite, brechen die locker aneinander hängenden Wasserteilchen auf, während sich festere Ketten durch sie schieben. Kommt sie vom Himmel in das Meer zurück, hört sie, wie das Wasser geteilt wird. Es zischen Blasen unter sich langsam öffnenden Kronkorken. Klirr. Zwei Flaschen. Sonst beinahe Stille. Musik tritt behindert an ihr Ohr – fern, abgelenkt durch Beton, abgehalten vom Wind. Ein Arm um ihren Bauch. Darunter Leere. Eine Hand schlaff daneben. Zwei kleine Hände klammern um ihren Hals. Und ein Kopf drängt sich an ihre Brüste, befeuchtet sie mit ausgeatmeten Zwiebelmief, an ihrem Körper entlang, an ihren Nasenhaaren hängen bleibend. Sie wischt alles von sich. Hinter sich die Hütte, in der Bett, Gas und eine heizbare Platte, ein offenes Loch für alles, was raus muss, darüber ein Brett, darunter ein Topf, in diesem Fliegen. Schwirrend. Der Rest, um den sich die letzten Ausgebrannten sammeln, weil außer dem eigenen Fleisch kaum noch welches aufzutreiben ist. Noch einmal sieht sie an der Tür vorbei in das stickige Innere, dann zu den Wolken, die indgoblau fast schwarz über ihr hängen. Die Tür schließt. Gelblich und goldig scheint das große Haus durch die Fenster in die Nacht. Im Schatten drum herum bewegt sie sich sicher. Aus dem Schatten attackieren sie das Land, um es zu verteidigen, verdeckt zwischen Büschen und Bäumen, im Sand lauernd. Darin glänzende Augen. Verräterisch. Weiche, leichte Tücher wehen in intensiven Farben unter dem Vordach. Sie schimmern. Niemals in ihren Händen. Aber jetzt, das eine mit den golden bestickten Blumen. Ein Ruf. Sie krümmt sich unter dem Licht. Schritte. Schneller. Fermeté. Sie hastet und flüchtet aus dem Hellen in die Schattenwelt. Sie fühlt keine Angst, nur selbstgewählte Freiheit; entschlossen, als die Finger nach ihr greifen, ein Griff sie packt, reißt sie am Gurt, kennt sie diesen, weiß, was ziehen. Aus der umgriffenen Pistole schießt die Kugel, sich bohrend bis in das Rückenmark des schwachen Leibs, der im Arm Halt suchend aufgibt, ein letztes Amen lösend mit leuchtenden Pupillen, deren erschlaffende Muskeln das Licht der Sterne entlassen. Alle sehen hin, aber niemand sieht zu. Die vom Boot ausstrebenden Wellenringe, die hektischen Bewegungen begleitend, sind klein und viele, sich entfernend; unaufhörlich drängen sie nach außen und verschwinden. „Ungerechtes“, spricht eine schlafende Stimme, deren Resonanzraum einzig das Boot, darin reflektierend und sich erhaltend. Die Silhouetten legen sich. Wiederkehrende Sonnenstrahlen weisen auf eine Stelle zwischen zwei Frauen, frei und verfärbt. Wer soll schon sagen, wer was zum Geschehenen machte. Kühl schwingt böige Luftmasse, wirbelt um sie. Gesang und Freude sind stumm, denn Ohren wollen nicht mehr hören, was verlockend den Irrsinn ruft, der nur verspricht, aber nicht an-hält. Hinten am Horizont hat sich nichts geändert. Nur die Sonne ging hinter und nicht mehr neben ihnen auf.

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