Die da

Seht ihr die da, die lacht und lügt,
die sich über das Maß vergnügt?
Es ist die da, die freitags nicht kann.
Die lässt auch Samstag keinen an sich ran.
Sie trägt eine bunte Maske.
Und die besteht so gar nicht aus Plaste.
Hart und fest wie ein Panikraumschutzwall,
den sie um sich zieht im behüteten Verfall.

Wer ist sie?
Sie ist eben die,
die sich nicht ertragen kann.
Die stetig lebt im fesselnden Bann.
Es geht ihr um alles.
Dabei geht es um nichts.
Ihre Maske – sie glänzt.
Sie strahlt über allem,
über dem Kopf des Wichts.
Der Wicht wächst über ihren Schatten.
Dabei verdeckt er all ihre Macken.

Doch sie bröckelt im Auge,
ohne zugesetzte Lauge
rechts neben der Pupille.
Ich nutze den Moment und krieche hinein in der Stille.
Ich sehe sie deutlich im Schmerze wein‘.
Sie schreit und bleibt für sich allein.
Die Hörner, sie wachsen, und sie rumpelt mit dem Stielzchen.
Immer nur innerlich – darin bleibt sie Tierchen.

Ich sehe sie fluchen.
Dabei scheint sie zu suchen.
Hektisches beschleunigt die Hast.
Sie kann nicht verstehen, warum sie nicht passt.
Mit jedem Versuch stößt sie an die Grenzen im Sein.
Im Versagen wächst darauf ihr größter Schein.
Sie könne tun, was ihr gesagt.
Tät‘ sie’s nicht, blieb ihr so Einiges erspart.

Sie ist die, die freitags nicht kann.
Sie defiliert in ihren Raum, wo alles begann.
Er gibt ihr Kraft.
Er gibt ihr Saft.
Er gibt ihr Mut.
Er gibt ihr Furcht unter der Krempe vom Hut.
Er nimmt ihr Leben dann und wann.
Sie ist die da, die nicht leben kann.
Das Leben in allen Formen und Farben.
Prächtig in Facetten, bescheiden in grauen Narben.
Rundungen, Ecken, Kanten, Spitzen – sie gehören dazu.
Die Türe ins Schloss fällt immerzu.
Sie entgleitet sich selbst im Nu.
Im Angesicht des Spiegels sagt sie sich: „Du.
Du hast. Du hast gefragt,
aber ich habe nichts gesagt.“

In ihrem geheimen Ort erlischt das Licht.
Und es erwischt sie im Traume die eisige Gischt
mitten in ihr geschminktes Gesicht.
Es scheint ihr verloren,
was niemals mit ihr geboren.
Es scheint ihr verlogen,
was sie lang für sich innig gewogen.
Am nächsten Tage dann erwacht,
was sie noch niemals gedacht.

„Ich bin die, die freitags nicht kann.
Die, die sich versteckt hinter einem verdreckten Mann.“
Es öffnet sich die Tür und sie gewinnt ein Gespür
für das Leben mit jeglicher Gebühr.
Es gelingt ihr zusammenzubrauen ein verbotenes Elixier.
Sie trägt es zu später Nacht mit vorzüglicher Manier.
Dorthin, wo sie drapiert hat ein üppiges Gesteck,
wo auch liegt das prächtig polierte Besteck.

Plötzlich ist sie die, die freitags leben geht.
Die auch Samstag nicht in ihrem Raume steht.
Die abgelegt hat ihr altes Ich
und sogleich den unzufriedenen Wicht.
Sie trägt einen Pullover in Rot.
Die Farbe der Nacht mit speziellem Brot.
Blühend überpinselte sie damals ihre leidenden Lippen.
So wusste sie abzulenken von ihren gebrochenen Rippen.

Später war ihr Gesichtlein ziemlich fahl.
Aber niemand überreichte ihr den heiligen Gral.
Ungläubig beäugte sie neben sich seine Brust,
die nicht mehr verspürte die Lebenslust.
Gierig hat er ihre Speisen gefressen.
Ohne zu bemerken die duftenden Zypressen.
Auf dem Tische hat offen gelegen,
was ihm versteckt gab den endlichen Segen.

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