Corinna Böhm: „Wenn du abgetreten bist, bist du abgetreten.“

H_Hartung4-419x300

In diesem Jahr (2015) recherchierte ich zum ersten Mal ein bisschen und forderte meine Stasiakte an. Es kam ein einzelnes Blatt und darauf ist ein kürzerer Text in Maschinenschrift. Darin steht „Delegation zur Sportschule – abgelehnt“. Handschriftlich hat das jemand durchgestrichen und um „KJS“ (Kinder- und Jugendsportschule, Anm. d. Red.) ergänzt. Nach zwei Sichtungen kam ich damals tatsächlich an die Sportschule des Armeesportklubs nach Potsdam. Das war 1980 und ich war in der achten Klasse. Weitere acht Mädchen und 19 Jungen wurden in unserer Rennsportklasse delegiert. Die Delegation war eine Auszeichnung für uns. Ab diesem Punkt förderte uns die DDR und die tat alles für den Sport. An der KJS lebten wir in einer eigenen Republik mit medizinischer Versorgung, Verpflegung und Unterkünften, einer Schule und mit Erziehern, die den Einklang zwischen Schule und Sport herzustellen hatten.

Auf dem Gelände am Luftschiffhafen befindet sich heute noch ein Hochhaus von 14 Etagen, der Turm, in dem alle Sportler wohnten. Wir wohnten in der obersten Etage und hatten von dort aus einen schönen Blick über unsere Kanu-Anlage und Hermannswerder. Aber nach zwei Jahren gab ich die Aussicht und unser Dreibettzimmer schon wieder auf. Nicht weil ich aufhörte, sondern weil ich in der zehnten Klasse in den auserwählten Kreis der Kaderathleten eintrat und in einen flachen Bau zog zur Elite des Sport. Die Unterkunft war nicht besser, aber ich war stolz und fühlte mich zu den sportlichen Vorbildern dazugehörig. Wir Auserwählten waren etwas separiert von den anderen Sportlern an der KJS und es war etwas Besonderes für mich in unserer eigenen Kantine zu essen und mal neben Udo Bayer oder unseren Cracks, den Kanuten, zu sitzen.

Obwohl die Bedingungen an der KJS sehr gut waren, fuhren wir häufig in die Trainingsstätte nach Kienbaum am Rande von Berlin. Auch das war etwas Besonderes, da die Anlage die modernste der DDR war. Vor einer Schranke wurde Kienbaum streng bewacht und dahinter war alles auf den Sport ausgerichtet. Wir hatten kurze Wege zwischen den Unterkünften, dem Essensaal, den Trainingsstätten und medizinischen Einrichtungen und sparten uns Zeit für Training, Schule und Erholung. Die Welt da draußen vergaßen wir schnell.

In Kienbaum durfte ich das erste Mal unter Tage trainieren in einer Höhentrainingskammer mit Unterdruck. Die Kammer war als grüner Hügel getarnt und der Eingang zu diesem geheimen, einmaligen Trainingsort war nicht sofort zu erkennen. Sie hatte keine Fenster, somit konnte wir nicht einmal nach draußen schauen und wussten oft nicht, ob es gerade Tag oder Nacht war. Aus diesem Grund hieß es bei uns, „wir gehen wieder unter Tage“. Jedoch gingen wir gar nicht unter Tage sondern in die Höhe. Dafür stiegen wir wiederum nicht auf, sondern saßen in einem kleineren Raum für 20 Minuten. Die Luftverhältnisse veränderten sich darin wie auf einem Dreitausender. Es war laut und zischte um uns herum und an dem Druckausgleich der Ohren merkten wir, dass etwas passierte. Beim ersten Tauchgang hatte ich ein beklemmendes Gefühl, dann öffneten sich die U-Boot ähnlichen Türen. Dahinter lag eine riesige Sportanlage mit verschiedenen Sporträumen, mit Fahrrad–Ergometern und Laufbändern, einem Paddelbecken, Ruheräumen und sanitären Anlagen auf mehreren Etagen. Für mindestens zehn Stunden an fünf bis sieben Tagen atmeten wir die Höhenluft. Während eines Trainingslagers trainierten und schliefen wir länger als eine Woche in der Anlage. Überwacht wurden unser Training und unser Gesundheitszustand von außen. Big Brother würde man heute sagen.

Zu meinen Trainingspartnerinnen während des Abiturs gehörte Birgit Fischer, die übrigens in der Kammer Kopfschmerzen bekommen und darum nicht oft dort trainiert haben soll. In den letzten ein bis zwei Jahren trainierten wir gemeinsam in einer Trainingsgruppe bei ihrem Trainer Lothar Schäfer. Neben ihr merkte ich, welch ein kleines sportliches Licht ich war und wie sehr sich unsere Lebensverhältnisse unterschieden. Während eines Trainingslagers fuhr sie an einem freien Nachmittag in eine nähere Stadt und kaufte ein im Exquisit und im Delikatladen erstand sie eine sehr teure Schachtel Pralinen der Firma Lindt. Sie öffnete den Karton und aß die Schokolade als zweites Frühstück auf. Mir gab sie nichts ab. Schrecklich. So richtig klein kam ich mir wieder vor, sie ist was Besonderes, für mich trotz der Vorteile an der KJS unerreichbar. Aber genau das hat mich angespornt weiter zu trainieren, um unter anderem genau solche Vorteile genießen zu können.

In einem weiteren Trainingslager in Brückentien war es das erste Mal, dass ich mit Vorteilen anderer Art konfrontiert wurde. Der Trainer stand vor uns und schwor uns ein. Niemand nannte es Doping. Er erklärte, es seien Tabletten, die ein bisschen fördern, wir hätten es einfacher, um besser und schneller zu werden. Es war ein Mittel, das unterstützte. Wir wurden gemahnt, dass wir uns daran zu halten haben und Disziplin halten sollten. Er verpackte das so, dass sonst niemand vorne dabei sein, also niemals in der Weltspitze erfolgreich sein wird. Die Trainer haben uns motiviert es zu nehmen. Dass es dazu kommen kann, dass man rausgefeuert werden kann, wenn man es nicht tut, sagten sie natürlich nicht.

Zwei oder drei Zyklen von vier bis sechs Wochen musste ich die blauen Pillen oder Kapseln nehmen. Beim ersten Zyklus dachte ich mir kaum was und nahm sie brav. Aber schon bald merkte ich, dass ich schwerer wurde, weil die Muskeln wuchsen. Welch ein beschämender Nebeneffekt für ein damals 17-jähriges Mädchen. Bewusst wurde mir das, als ich an einem Sommertag in der Straßenbahn beim Festhalten an dem Riemen von den Mitfahrenden scheinbar angeschaut wurde, weil die Muskeln beim Bremsen der Bahn deutlich hervortraten. Ich beobachtete das und verglich. Es entstand ein Konflikt in mir, von dem ich nicht weiß, wie lange ich diesen in mir hatte. Ich schwor mir, dass ich bei den nächsten Zyklen, die Dinger wegschmeiße. Doch musste ich sie oft im Beisein meines Trainers nehmen. Mal steckte ich sie nur in die Wange und spuckte sie hinterher aus oder wenn er nicht aufgepasste, schmiss ich sie gleich weg. Auch ohne Tabletten war ich sportlich weiterhin gut und konnte die geforderte Leistung bringen. Bis nach dem Abitur 1987.

Um anschließend in die Uniform des ASK zu kommen und an die Vorteile, sollte ich erst noch zwei Regatten mit Zielvorgabe fahren. „Dann reden wir darüber, dann bist du im Kreis, wirst vereidigt“, sagte mein Trainer. Beim ersten Test, der ersten Regatta, erreichte ich das gesteckte Ziel. Ich fragte, „was ist nun“? Und der Trainer meinte, die nächste Regatta sei abzuwarten. Auch das Ziel erreichte ich und fragte nochmals. Es wurde mir ein Weg gezeigt, als ich zu unserem Cheftrainer Herrn Wengler bestellt wurde. Er sagte „Corinna, ich glaube, es ist besser, du hörst auf“. Und ich stammelte, „was, wie jetzt“. Ich weiß nicht warum, warum dieser Satz von ihm so kam, denn es war nicht der Weg, den man mir verspochen hatte.
Innerhalb einer Woche musste ich das Boot und all die anderen Trainingsgeräte abgeben. Ich durfte nicht mit einem anderen Boot fahren und es schrieb mir niemand einen Trainingsplan um abzutrainieren. In den Kraftraum durfte ich nur sehr selten, oft zu Zeiten an denen ich selten Lust auf Sport hatte. Also blieb mir das Joggen, einfach nur die Schuhe nehmen und ab in den Wald. Viel war von dem Luxus der KJS nicht geblieben. Ich wurde abgeblockt. Wenn du abgetreten bist, bist du abgetreten. Dann warst du nicht mehr wichtig. Das tat sehr weh, zumal dieser Rausschmiss spontan und unvorbereitet kam.

Es war auch ein Befreiungsschlag. Im ersten Moment war ich perplex, dann befreit. Ich war entlastet, ich hatte plötzlich sehr viel Freizeit und konnte machen, was ich gerade wollte, und im zweiten Moment vermisste ich die tägliche Schinderei und Kontrolle. Eine neue Perspektive musste ich erst noch finden. Ich studierte Sport und das Studium bildete die Brücke. Einige Gedanken konnte ich nicht vergessen, darunter die Frage, warum ich ohne Begründung gehen musste. Vielleicht war ich nicht mehr mit Herz und Seele dabei, weil ich im Zwiespalt mit den Tabletten und dem vielen Training kam. Natürlich machte ich manchmal den Mund auf und hinterfragte den Marxismus und Leninismus in der DDR. Aber ich war nie ein Gegner der DDR. Ich wäre niemals bei einem Wettkampf im kapitalistischen Ausland geblieben.

Vielleicht war ein Westkontakt der Grund des Rausschmisses gewesen. Meine Mutter hatte einen Spielfreund aus Kindheitstagen, der im Westen lebte. Er tauchte wieder auf und danach trafen sich meine Eltern mit ihm. Soweit ich weiß, arbeitete er in einer JVA im Ruhrgebiet, war also Beamter. Ich weiß nicht, ob er ein inoffizieller Mitarbeiter war oder ob er selbst von der Stasi überwacht worden ist. Ich traf ihn nur einmal zufällig zu Hause bei meinen Eltern in Brandenburg an. Meine Mutter erzählte mir, dass er mit Briefmarken handelte. Er trat nie wieder in Erscheinung. Ein komischer Zufall.
In den Jahren nach der Wende kam ich mit vielen Menschen in Gespräche über ihre DDR-Erlebnisse. Es waren anfänglich für mich völlig unglaubwürdig einige dabei, die sagten, „ich bin aufgegriffen worden, weil ich republikfeindlich gewesen bin“. Manchmal habe ich beruflich mit Leuten zu tun, die Leistungen nach dem Opferentschädigungsgesetz beantragen. Wenn sie aus ihrem Leben erzählen, scheint mir, sie haben in einem anderen Staat als ich gelebt, denn ich habe die DDR nie mit Stasi und Verhaftungen kenngelernt oder etwas davon gehört.

Die Zeit war bewegend – das Studium, die Wende, der Westen, eine Familie. Ich hatte keine Zeit, um über Vergangenes nachzudenken. Erst in diesem Jahr hatte ich den Mut meine Stasiakte anzufordern. Vielleicht wollte ich bis dahin gar nicht wissen, ob und wer mich wie bespitzelt hatte. Ich hatte diese Niederlage von 1987 verdrängt. Nach den Erfahrungen mit den Strukturen in der DDR war ich mir sicher, eine Stasiakte wird es von mir geben. Ich hoffte, sie könnte mir meine Frage nach dem Grund des sportlichen Endes beantworten. Weitere Unterlagen sind wohl entsorgt worden. Somit bleiben meine Vermutungen nur Vermutungen, aber damit kann ich weiterhin gut leben.

______________________________________________________________________________
Corinna Böhm, Jhg. 1966, wurde in Brandenburg a.d.H. gesichtet. 1980 die Kanutin nahm sie die Kinder- und Jugendsportschule des Armeesportklubs in Potsdam auf. Ihre Leistungen versprachen eine erfolgreiche Zukunft. Doch der ASK suspendierte sie nach dem Abitur. Den Grund kennt sie nicht. Sie lebt noch in Brandenburg und paddelt auch wieder.

Advertisements