Cornelia Reichhelm: „Die Wahrheit tut weh.“

MDR
Quelle: http://www.mdr.de

„Ich habe den Einbrecher wahrscheinlich überrascht. Er oder sie ist auf den Balkon geflüchtet. Nicht auszudenken, was passiert wäre, hätte ich einen Blick auf den Balkon geworfen, und es hätte eine direkte Konfrontation gegeben. Nun wird mir ganz mulmig. Irgendjemand schnüffelt während unserer Abwesenheit in unserer Wohnung herum. Merkwürdiger Weise fehlt nichts. Erst als ich den Schreibtisch in Augenschein nehme, stelle ich fest, dass mein über viele Jahre geschriebenes Tagebuch fehlt. Auch meinen Trainingsplan vermisse ich. Es kann nur die Stasi sein. Fast bin ich wütend, dass sie sich auch so auffällig anstellen müssen, dass es bemerkt wird, denn jetzt habe ich richtig Angst.“

Frau Reichhelm, Ihre Erinnerungen wurden Ihnen vom Papier genommen, wie haben Sie die Details, die Daten, die Zitate vor allem aus den Kindheitstagen für das Buch rekonstruiert?
Ich habe angefangen, viele Sachen aufzuschreiben, weil ich es nicht vergessen konnte. Ich wollte es vergessen. Ich konnte es nicht vergessen. Ich hatte gehofft, wenn ich es aufschreibe, kann ich es aus mir ablegen. Dann steht es auf Papier. Ich habe viele Erinnerung aus meiner Kindheit. Wenn ich mich mit meiner Schwester, speziell mit meiner Zwillingsschwester unterhalte, sagt die immer, dass du das noch weißt. Ja, ich weiß das noch. Und vor ein paar Jahren hat mir meine Mutter alle Briefe, die ich nach Hause geschrieben habe, zurückgegeben. Sie hat die Briefe nummeriert bis zum Schluss. Das war parallel wie ein kleines Tagebuch. Das war reine Glückssache.

Sie hatten tatsächlich gar nichts, kein Dokument, das darauf verwies, dass Sie DDR-Sportlerin waren?
Doch. Als ich dann merkte, dass die in meiner Wohnung sind, war das stressig. Ich habe geguckt, wo ist noch was. Das Bisschen, das ich noch habe, ist dem geschuldet, dass ich es vor mir selbst versteckt habe. Mit jemandem reden, durfte ich sowieso nicht, mit niemandem in der DDR. Ich wusste auch gar nicht, wem ich mich hätte anvertrauen können. Selbst meine Familie weiß nicht, dass ich so erfolgreich Leistungssport gemacht habe, die wissen viele Details nicht. Meine Mutter weiß auch nicht, dass ich das Buch geschrieben habe, weil ich nicht möchte, dass sie es liest.

Warum nicht?
Dann kommt diese Schuldfrage. Vielleicht machen sich Eltern den Vorwurf, ich hätte auf mein Mädchen besser aufpassen müssen, aber das konnten sie nicht, sie haben es nicht gewusst. Dieser Unfrieden, der in den Familien gestiftet wird, was alles kaputt geht und zerstört wird, auch noch im Nachhinein. Dieses nicht Verstehen-Wollen oder nicht Verstehen-Können von den Familien. Und es wird nicht aufgearbeitet von der Gesellschaft. Das ist tragisch.

Wie erleben Sie die Schuldfrage?
Es wird einem oft unterstellt, auch in der Familie, das habt ihr doch gewusst! Was haben wir denn gewusst? Oder das wolltet ihr doch! Nein, ich wollte das nicht! Ich war nicht so erfolgsgeil, dass ich um jeden Preis Olympiasieger werden wollte. Selbst das wollte ich nicht. Ich wollte nur Sport machen, einen fairen Sport.

„Bald beginnt die Winterzeit. Bernhard Albrecht ist auch weiterhin unser Trainer. Eines Tages kommt er auf mich und drei weitere Mädchen meiner Trainingsgruppe zu, und erklärt uns, dass wir in den Nachwuchs-Olympia-Kaderkreis für 1984 aufgenommen worden sind. Dies bedeutet für uns besonders hartes Training, deshalb müssen wir täglich ‚Unterstützende Mittel‘ in Form eines Eiweißtrunks nehmen. Diesen kann nicht jeder bekommen, da er zu teuer ist. Nur für die Besten reicht er. Dieser Trunk sorgt für eine schnellere Erholung vom Training, und fördert die Muskelbildung. Es ist eine Auszeichnung, dieses Präparat zu bekommen. Ja, ich bin stolz darauf, mit zu den Besten zu gehören.“

Heute weiß ich, ich habe genau deshalb meinen Körper vergewaltigt, weil ich es genommen habe. Ich hatte den Hinweis bekommen, die brauchten immer eine neutrale Kontrollgruppe, also Leute, die es nicht bekommen haben. Das ist ein Hinweis darauf, dass dort Versuche gemacht worden sind. Ich habe es immer bekommen. Wir sind eine kleine Sportart, eine Prestige-Sportart gewesen. Das hätte ich mir nie leisten können als armes Mädchen. Wahrscheinlich bin ich nur als Versuchskaninchen dort hingekommen. Traurig. Das tut weh, wenn man diese Erkenntnis bekommt. Die Schuldfrage. Ich habe es nicht gewusst. Ich hoffe, dass ich das mit dem Buch zeigen kann.

Mit dem Buch sind nicht nur ihre Briefe veröffentlicht, sondern auch Dokumente aus der Behörde für Satsi-Untersuchungen, aus Akten. Einige Journalisten sollten sich ansehen, was sie zusammengetragen und recherchiert haben. Wie haben Sie begonnen?
2000 bin ich an einen Knochenbrecher-Arzt geraten, der mich misshandelt hat. Da habe ich gesagt, jetzt muss ich die Flucht nach vorn ergreifen, um zu wissen, was ist passiert. Zufällig hatte meine Zimmerkollegin in der Klinik ein Radio mitgebracht, macht das Radio an und es wird über den Dopingopferprozess zu dieser Zeit gesprochen. Ich habe mühevoll angefangen, mich überhaupt mit dieser Sache zu beschäftigen. Doping stand für mich überhaupt nicht zur Debatte. Von den Akten, was bei uns im Bootshaus lief, habe ich nichts. Als an einem Wochenende Anfang der 90er eine Großrazzia gemacht worden ist, kannten die ZERV- Ermittler das Bootshaus in der Nixenstraße gar nicht.

Das Bootshaus nicht, Doping nicht, Sie nicht.
Die Presse ist mit einer Teilveröffentlichung der Dopingaufarbeitung in Bezug auf die „Kolbe-Spritze“ zu meinem Verbands-Trainer Dieter Altenburg und hat gefragt, ob Doping auch beim Rudern betrieben worden ist? „Rudern gehört zu den Sportarten, bei der die Dopingbelastung am geringsten ist“, sagte Altenburg.
Rudern ist eine extreme Sportart, extreme Ausdauersportart und eine Maximalkraftsportart. Das bietet ein breites Feld für Doping, noch dazu in unserem kleinen Bootshaus. Wir waren überschaulich, abgeschnitten, abgegrenzt, ideal für Doping-Versuche. In meiner Akte…

…welcher Akte?
In meiner gynäkologischen Akte von 1976 steht die Dosierung von Testosteron. Ich war permanent gedopt im Training mit männlichen Geschlechtshormonen. Die Erkenntnisse, die ich gewonnen habe, haben mich immer weiter runter gerissen. Das Schreiben, die Recherche. Ich bin in einen Dopingsumpf hinein geraten. Ich habe Bestimmtes für das Buch recherchiert und wollte etwas Gutes finden, bin aber nach kurzer Zeit auf etwas gekommen, das ich nicht wissen wollte. Nachdem ich wieder etwas verarbeitet hatte, wollte ich noch tiefer reingehen in das Thema. Ich wäre glücklicher gewesen, wenn sie auf Mediziner gehört hätten, die vor gesundheitlichen Folgeschäden gewarnt haben. Aber die sind leichtfertig über Warnungen von Ärzten hinweg gegangen. Die Sportführung hat gesagt, wir müssen Opfer bringen. Das sind gerade Leute, die kein Opfer gebracht haben. Die Opfer haben die Kinder gebracht. Und die DDR wurde so kinderfreundlich hingestellt national und international. Ausgerechnet mit den Kindern machten die das. Hochgeheim. So pervers. Das tat weh.

Es ist ungewöhnlich, dass sich trotz der hohen Dosierung bei Ihnen als Kind oder später keine männlichen Merkmale ausgebildeten und sie recht bald schwanger werden konnten.
Ich habe die Pille verweigert. Es steht in meiner gynäkologischen Akte des Sportmedizinischen Dienstes: „Keine Pille!“ Ich habe zum Beispiel auch nie wieder die Anti-Baby-Pille genommen. Und ganz unbeschadet ist mein Kind auch nicht. Das macht schon traurig.

Sie sprechen einige Emotionen an, aber in den ersten Kapiteln des Buches kann man diese nicht heraus lesen. Wie schwer fiel es Ihnen diszipliniert die Fakten zu schildern, ohne wütend oder traurig zu schreiben?
Man hat gelernt diszipliniert zu sein. Es war schwer. Ich habe versucht es realistisch rüber zu bringen, wie ich es damals empfunden habe. Ich musste mich zurücknehmen, um es erst in nächsten Kapiteln zu bringen. Der Leser soll es wirklich erleben, wie ich es erlebt habe, wie sich das für mich auch aufgebaut hat. Damals war ich total sportbegeistert und es tut weh, dass ich keinen Sport mehr machen kann. Es war mein Traum schon als kleines Kind. Ich war so verrückt, dass mich meine Schwester auf das Erwachsenenfahrrad setzen konnte mit drei Jahren, obwohl ich nicht an die Pedale kam. Dann hat sie mich vom Berg geschoben und ihre Freundin hat mich unten wieder aufgefangen. Und am besten war es in den Nachbargrundstücken die Äpfel zu plündern. In der Natur rum zu strolchen war das Schönste an meiner Kindheit.

War das das einzig Schöne daran oder gab es mehr Schönheit?
Meine Kindheit war nicht schlecht. Ich habe darum auch versucht Lustiges in das Buch reinzubringen. Ich wollte das nicht alles schlecht machen. Ich habe den Sport mit Herz und Seele betrieben, sonst hätte ich das Training nicht schaffen können.

„Als wir an der Regattastrecke ankommen, ist es sehr stürmisch und die mit Schaumkämmen bedeckten Wellen peitschen gegen die Boots-Stege, dass die empfindlichen Boote kaum ins Wasser eingelegt werden können, ohne Schaden zu nehmen. Ich habe das Gefühl, ein Abenteuer lauert auf uns, oder die Regatta muss abgesagt werden.“

Die Abenteurerin. Abenteuer und Herausforderungen betonen Sie in dem Buch. Das erinnert an Pippi Langstrumpf.
Ja, so bin ich. Heute bin ich sehr eingeschränkt und ich werde dann auch richtig wütend.

Hat sie die Abenteuerlust bestärkt, trotz der schlechten Unterbringung und einiger anderer schlechter Bedingungen, dabei zu bleiben?
Ja, sicher! Abenteuer kann man nicht nur darunter verstehen, dass man Robin Hood spielen will. Es hat mir trotz allem Spaß gemacht, diesen Sport zu betreiben. Dieses Abenteuer lag in jeder einzelnen Herausforderung. Ich habe ein Abenteuer gesehen beim Waldlauf. Waldlauf gegen SC Berlin Grünau. Das war eine Herausforderung. Jede Trainingseinheit war eine Herausforderung. Ich wollte es für mich wissen, nicht für das Lob machen. Ich wollte meine Grenzen austesten und sehen, wie sind die anderen.

„Um uns die Zeit am Wochenende zu vertreiben, bitten wir den Hausmeister, uns die Schlüssel zur Turnhalle der Union-Fußballer zu überlassen. Er begleitet uns in die Halle, und nutzt jedoch die Gelegenheit und unsere Unerfahrenheit, uns hier und da zu nahe zu kommen, und uns unsittlich zu berühren.“

Neben den sportlichen Aspekten, beschreiben Sie auch viele private Erlebnisse, fast intime Szenen im Buch. Der belästigende Hausmeister, die Angst mit Männern oder Einbrechern.
So lief unser Leben dort ab. Das hat keinen interessiert. Für uns war keiner zuständig. Wir standen für uns allein da. Wir konnten das als Mädchen gar nicht zu- oder einordnen. Wir waren erst 13. Wir konnten uns nur schützen, indem wir dort nicht mehr in die Turnhalle gegangen sind. Wir hätten auch kein Gehör gefunden. Der Lehrer war nur Lehrer, der Erzieher war da für die Schlüssel und wahrscheinlich, um unsere Zimmer zu durchsuchen, der Trainer war nur fürs Training zuständig. Es gab nichts zu thematisieren. Das war tabu.

Aber es waren auch angenehme Begebenheiten und Erfahrungen dabei. Wie war das für Sie, sich derart preiszugeben?
Das war schwer, aber es sind auch meine Empfinden, die sich entwickelt haben, als ich in dem Sport war. Das macht das Buch lebendig.

Lebendig ist ein unausreichendes Wort. Es ist Leben, ihr Leben.
Ich bekomme noch Gänsehaut, wenn ich sage, ich habe mein Buch veröffentlicht.

„Tag für Tag fühle ich mich bis aufs Letzte ausgelaugt und ausgepowert, unter Druck gesetzt, erpresst, betrogen! Ich muss hier ganz dringend weg! Nachdem ich mich warmgemacht habe, liege ich auf dem Anreißbrett. Zuerst werden 70 Kilo aufgelegt. Jetzt werden die 75 Kilo aufgelegt. Weitere fünf Kilo werden nun auf die Hantel aufgesteckt. Die Gewichte schlagen auf der darunter liegenden Matte auf, und Albrecht brüllt. Dies wiederholt sich noch zwei Mal. Diesmal habe ich gewonnen!“

Es ist bewegend. Ihre persönlichen Triumpfe unter den Gewichten und wie Sie sich später noch einen Parteiausweis der Bauernpartei in aller Eile besorgen. Wie haben Sie diese Alleingänge durchziehen können und wie hat Ihnen das geholfen?
Wenn die kleinen Erfolge des Lebens nicht wären, kann man nicht stark werden. Man muss charakterfest werden. Wenn man diese kleinen Erfolge nicht hat, verzweifelt man. Dann kommen wieder Kräfte, denen das nicht gefällt. Als das Buch da war, waren einige neugierig, aber ich wurde auch konfrontiert von Freunden, die das Buch nicht gelesen haben. Wenn man so ein Buch rausbringt, provoziere man viel. Ich spreche Leute an, die mir noch keine Antwort gegeben haben. Ich versuche Fronten aufzubauen. Dafür muss man innerlich Stärke haben.

Wie stärken Sie sich sonst?
Komischer Weise, wenn es nicht weiter geht, reicht mir jemand die Hand. Ich war mal soweit, dass ich mein Ding alleine durchziehen wollte. Ich war nicht mehr bereit, Hilfe anzunehmen. Mein Trainer hat uns auch immer gesagt, er meint es gut mit uns. Und dann wurde ich missbraucht. Man wird argwöhnisch und stellt alles in Zweifel. Das ist nicht gut. Mittlerweile habe ich gelernt, Hilfe anzunehmen und wieder zu vertrauen. Für mich ist die Malerei zudem das Mittel, um mich selbst wieder aus dem Loch zu ziehen. Immer ins Positive. Es ist ein Drang und ein Erfolgserlebnis.

„Das Tor zur Welt hat sich für uns geöffnet. Wir haben damit das irdische Weltall, die unendliche Weiten betreten. Nur noch Tränen stehen mir in den Augen, so sehr bin ich ergriffen und überwältigt von meiner neu gewonnen Freiheit. Ich fühle mich unendlich leicht. Endlich frei! Ich habe einen Teil deutscher Geschichte am eignen Leib miterlebt und mitgestaltet. Diesen Tag werde ich lang nicht vergessen.“

Was war das Besondere dieses Stückchens Geschichte, der Wende?
Ich habe meine Rettung in der Wende gesehen. Endlich das Übertreten in diesem Massenstrom, das in der ersten Minute gemeinsam mit anderen zu erleben. Ich wollte nie die Rollen alleine spielen. Ich wollte immer mit vielen Menschen zusammen sein. Dann bin ich über die Grenze und das tat weh. In der DDR wurde alles auf einem bestimmten Level gehalten, zwar sehr unten, aber man hat seine Existenzmöglichkeit gefunden. Das ist zerbrochen mit dem Ende der DDR, diese Geborgenheit. Im gleichen Moment haben sich viele neue, tolle Wege aufgetan.

Was hat diese Veränderung in Ihnen gewendet?
Das war eine Zeit, in der ich die Sportsache ein wenig vergessen konnte. In der DDR wurde ich immer politisch konfrontiert. Danach war ich frei von politischen Sachen und bin meinen Weg gegangen. Als ich den Zusammenbruch im Jahr 2000 hatte und zu dem Arzt gegangen bin, war alles wieder präsent, alles da. seitdem lebe ich am Limit. Viele denken, das Leben wird laufen, es wird schon jemand kommen und alles für dich regeln. Nein, das tut keiner, man muss es selber tun und voran gehen für sich.

Ist mit diesem Schritt der Veröffentlichung der Druck von Ihnen gefallen oder hat er sich ersetzt?
Wenn ich das Buch Korrektur gelesen habe, hat mir das wohl die meiste Kraft genommen, das immer wieder vor Augen zu haben. Ich war froh, als dieses Manuskript weggeschickt worden ist.

Selten hat ein ehemaliger Sportler seine Vergangenheit seziert wie Sie. Fühlen Sie sich als Pionier?
Nein, eigentlich nicht. Ich wollte nie die Rolle spielen, dass ich vorn weg marschiere, aber wer soll es denn für mich tun? Es gibt die Dopingopfer und viele sind eingeschüchtert. Das ging mir auch lange so. Deswegen kommt das Buch jetzt erst. Man muss sich beschäftigen, man muss sich entwickeln, man muss stark werden, um zu sagen, ich geh an die Öffentlichkeit.

Inwiefern ist der Doping-Opfer-Hilfe-Verein tatsächlich eine Unterstützung?
Er ist eine große Unterstützung, dass ich weiß, sie sind da. Es melden sich neue Athleten. Gesamtdeutschland produziert neue Opfer von nach der Wende. Der Verein ist ein Ansprechpartner. Der Verein ist allerdings begrenzt. Es fehlen Mittel und Personal. Sie können den Doping-Opfern nicht einmal genau sagen, wo man die Akten finden kann. Keiner weiß, wo genau die Akten sind. Dennoch finde ich dort Rückhalt. Der Doping-Opfer-Hilfe e.V. ist vor allem die Verbindung zur Öffentlichkeit und zur Politik, aber Politiker wollen das nicht hören.

Was ist nötig? Eine Maßnahme wäre eine Sonderkommission, die sich für die Opfer einsetzt.
Die Opferentschädigung war nicht schlecht, aber dabei müsste man bleiben – bleibende Opfer, bleibende Schäden. Die meisten DDR-Athleten haben ihre Doping-Akten nicht, daher müssen finanzielle Fonds her, um Gutachten finanzieren zu können. Gutachten, die, die Wahrscheinlichkeit von Dopingschäden bescheinigen und dann eine Rentenzahlungen entsprechend des Schädigungs-Grades. Die meisten Dopingopfer ziehen sich zurück oder wissen gar nichts. Die Olympiasieger und Weltmeister müssen zweifeln an ihren Medaillen und das sind die Letzten, die was sagen, aber nur die will man hören.

Sie gehörten nicht zu den berühmten Sportlern der DDR. Worum geht es Ihnen?
Um die Kinder von damals, die vorher schon verbrannt wurden, damit die Sieger an die Spitze kommen konnten, um die kümmert sich keiner. Es handelt sich um eine ganz andere Gruppe von Doping-Opfern, die den Weg geebnet hat. Ich nehme es aber den Weltmeistern nicht übel, dass sie die Leistung und die jahrelange Anerkennung nicht aufgeben wollen. Die Doping-Opfer haben keine Zeit mehr, immer mehr sterben und die Todesliste wird länger.

Was raten Sie?
Wenn sich die Dopingopfer nicht öffnen und nicht mitteilen mit ihren Geschichten, dann werden die Dopingopfer wahrscheinlich fürchterlich hinten runter fallen. Es gibt Menschen, die fürchterlich drunter leiden. Die kriegen keine Hilfe und so kann das nicht sein. Es ist furchtbar und schrecklich. Vielleicht wollen es einige nicht wissen, weil es zu sehr weht tut. Die Wahrheit tut weh. Aber wie will man etwas verarbeiten, wenn man gar nicht weiß, wogegen man ankämpft. Vor allem auch für die Politik. Der Athlet muss sich äußern, aber er darf nicht alleine da stehen, sonst zerbricht er.

____________________________________________
Cornelia Reichhelm, Jhg. 1963, wurde als 13-Jährige nach Berlin an eine Kinder- und Jugendsportschule delegiert. Als sie 18 Jahre wurde, forderte sie der Trainerstab auf Anabolika zu nehmen. Sie lehnte ab. Ihre medizinischen Akten belegen, dass sie zu diesem Zeitpunkt schon fünf Jahre gedopt war. Heute leidet sie u.a. an einer zerstörten Wirbelsäule, Migräne und weiteren organischen Schäden, ist arbeitsunfähig und lebt von ihrer privaten Vorsorge. Für Gehör und um sich die Vergangenheit zu bewältigen, schrieb sie das Buch „Doping-Kinder des Kalten Krieges“.

Advertisements