Thomas Kersten „Sie wollen sich feiern lassen.“

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Mit neun Jahren fing ich an zu paddeln und ich hatte Spaß daran. Bald schon folgte die erste Sieger-Urkunde mit der ersten Regatta in Potsdam 1965. Mit Hängen und Würgen paddelte ich über die 250-Meter-Strecke und im Ziel meinte mein Trainer, „du bist gar nicht gepaddelt, du hast immer nur nach rechts und links geguckt, und ich habe dir vorher gesagt, du sollst paddeln“. Im Finale war es trotz der Ansage nicht anders. Ich guckte wieder nur nach rechts und links und auf einmal gewann ich es. Wie, weiß ich nicht. Die Urkunde hielt ich nur an einer Ecke fest, um nur kein Eselsohr zu verschulden. Ein Foto von mir am Steg mit einem Tulpenstrauß in der Hand habe ich noch als Erinnerung an diesen Tag. Ich war stolz wie ein Spanier! Und auch meine Eltern waren stolz. Meine Motivation war immer, besser sein als der Andere, und mit diesem kindlichen Ehrgeiz bin ich in den Sport reingewachsen.

Also habe ich mich 1967 an die Kinder- und Jugendsportschule in Brandenburg delegieren lassen. Ich war Stadtschüler und wir wohnten so nah, dass ich vom Internat der Schule über die Havel und über die Wiesen gucken konnte, um zu sehen, ob meine Mutter das Küchenfenster auf hatte, aber ich wollte auch abends auf den Fluren mit meinen Schul- und Trainingskameraden zusammen sein. Darum zog ich in das Internat ein.

Meinen ehemaligen Mitschülern aus der Grundschule gegenüber waren wir an der KJS eine Art Elite. Der frühere Freundeskreis war weg, weil wir in einer komplett anderen Welt lebten, völlig isoliert von der gewohnten Umgebung. Einige Jahre vergingen. Die ersten internationalen Einsätze als Junioren machten diesen Status dann deutlich, denn dadurch waren wir nicht nur die Elite sondern Aushängeschilder der DDR. Um den Staat ansehnlich zu vertreten, hatten wir uns optisch entsprechend zu präsentieren. Zum Beispiel wurde ich ständig wegen des Haarschnitts und oftmals auch wegen der Garderobe reglementiert. Als der Cheftrainer des ASK Potsdam einmal nach Brandenburg kam, sagte er, „wie du aussiehst mit deinen Haaren“. Dabei hatte ich keine langen Haare. Längere Haare wurden absolut nicht geduldet, sogar verboten. Wenn wir nicht den klassischen Kurzhaarschnitt des Sportlers hatten und nicht kahl um die Ohren waren, und es standen drei Haare ein bisschen über den Ohren, sagte einer, „du gehst zum Friseur, sonst ist erst einmal Trainingsstopp“. Ich bekam diktatorisch knallhart 14 Tage Trainingssperre.

Mitte der elften Klasse kam ich schon nach Potsdam und hatte Einzelunterricht zwischen Bett und Kleiderschrank und zweimal pro Woche in Brandenburg mit den Ruderern und Kanuten meiner eigentlichen Klasse. Beim Armeesportklub in Potsdam trainierte ich mit den Männern, die in Uniform waren, wenn sie nicht Sportbekleidung trugen. Ich lief in zivil dazwischen in der Kaserne. Die Erwachsenen paddelten in einer völlig anderen Leistungsklasse. Das war meine Orientierung und nach dem Abitur im September 1973 wurde diese zu meinem Leben, indem mich der ASK übernahm als NVA-Angehöriger. Ich absolvierte meine Grundausbildung, kam dann in die Uniform und im April 1974 flog ich bereits aus der Sportmannschaft des ASK Potsdam. Das war ein sehr tiefer Einschnitt in mein Leben.

Ich war damals sehr gut befreundet mit einem Trainer der Sportmannschaft Kanu. Er war als aktiver Sportler, als Olympiasieger, aus der Mannschaft geflogen, nachdem sie ihn mit einem amerikanischen T-Shirt bei einer Verkehrskontrolle in Potsdam angehalten hatten. Vorsichtshalber hatte er eine Meldung bei seinen Vorgesetzten gemacht, aber das hatte nicht geholfen. Immerhin konnte er als Trainer weiter arbeiten. An einem Sonntag besuchten ihn seine ehemaligen Nachbarn und brachten ein Ehepaar mit. Dieses Ehepaar, stellte sich in jenem Moment heraus, war aus Westberlin. Er war Trainer beim ASK und Offizier, ich war noch Schüler. Für uns galt die Regel, kein Westkontakt, aber die Westberliner standen auf einmal im Zimmer. Wir haben beide geschluckt. Der Trainer hatte natürlich Bedenken, dass er, wenn er eine Meldung macht, wieder Probleme bekäme. Die Sache war noch komplizierter, erfuhren wir später, denn die ehemaligen Nachbarn arbeiteten für die Stasi und hatten dort beauftragt mit Westkontakt zu erscheinen. Allein mit diesem Kontakt ergab sich ein Grund, ihn auch als Trainer aus dem ASK zu entfernen. Ich machte keine Meldung zu diesem Westkontakt, denn damit hätte ich ihn verraten. Es passierte nichts und ich dachte, die Sache wäre erledigt gewesen.

Im Frühjahr 1974 bahnte sich Gutes an bei den Tests mit einem dritten und einem fünften Platz bei den Qualifikationswettkämpfen für die Nationalmannschaft, jeweils über 1000 Meter und über 250 Meter. Mein Trainer hatte auch ein gutes Gefühl für die anstehende Weltmeisterschaft 1974 in Mexico. An einem Montag fuhr ich beim Training noch im Vierer und kam danach an den Steg. Wir holten das Boot aus dem Wasser und wie üblich wollten wir es putzen. Unser Mannschaftsleiter guckte aus dem Fenster und sagte, ich könne das Boot liegen lassen, solle mich umziehen und in sein Dienstzimmer kommen. Die komplette Riege der ASK Führung angefangen vom Clubleiter, Parteisekretär des Clubs, sämtliche Trainer der Sportmannschaft bis zum ASK-Stab, saß in diesem Zimmer. Es wurde mir eröffnet, dass man als Leistungssportler berufen wird, aber man kann jeder Zeit auch abberufen werden. Und das mit dem heutigen Tag! Mein Boot durfte ich gleich abgeben. „Kannst dir die alte Schlappe nehmen“, sagte der Cheftrainer und zeigte auf ein altes Plastikboot.

Dann wurde ich sofort in Küchenkleidung gesteckt und musste in der Küche des ASK Potsdam die schmutzigen Teller meiner Sportkameraden abwaschen – die größte Erniedrigung meines Lebens. Erst stand ich mit einem Leistungsauftrag da, erster bis dritter Platz im Zweier über 1000 Meter bei den Weltmeisterschaften in Mexiko als meine Perspektive 1974, dann saß ich hinten in der Küche, kratzte die dreckigen Soßentöpfe aus. Das fünf Wochen lang, bis ich nach Halle an der Saale versetzt wurde. Dort brummte ich meine restlichen neun Monate ab in einer stink normalen Kaserne. Nichts mit Abtraining. In der normalen Kaserne soffen sie Bier, rauchten Zigaretten und belächelten mich, wenn ich noch täglich Sport machte. Ich war es gewohnt und es fehlte mir. Über Nacht erzielte ich bei sämtlichen sportlichen Veranstaltungen die beste Leistung und wurde ständig belobigt mit Sonderurlaub. Ich wollte das alles gar nicht. Mir hat der Sport Spaß gemacht und dann hieß es, ich könne die Regimentsmeisterschaften und die Divisionsmeisterschaften mitmachen. Da sollte ich dann die Kohlen für die Kompanie aus dem Feuer holen.

Für Befehlsverweigerung hätten sie mich nach Schwedt stecken können in den Knast. Dabei hatte ich nichts verbrochen. Heute brauchen wir über Westkontakte gar nicht reden oder darüber, mit Westberlinern am Kaffeetisch zu sitzen. Das war mein Verbrechen, meine Straftat! Dafür nahmen sie mir, was über die Hälfte meines Lebens zu mir gehörte, das Training, die Aussichten. Das war auf einmal alles weg. Ich brauchte früh morgens nicht mehr aufzustehen um zum Training zu gehen. Lange hatte ich schlaflose Nächte. Das war eine harte Zeit. Eigentlich war es erst richtig schlimm, als ich im Sommer 1974 zu einer internationalen Regatta nach Brandenburg fuhr, um zu zuschauen. Meine Trainingskumpels und die Trainer grüßten mich nicht mal mehr.

Die Gesichter sehe ich noch vor mir, von den Lehrern, dem Schuldirektor, den Trainern; die Worte und Sätze sind noch im Kopf, ob vom Staatsbürgerkundeunterricht oder von den Fahnenappellen. Ich erduldete das, denn sonst hätte ich die Chance nicht gehabt auch mal auf ein Podest zu steigen. Ich wollte auch Weltmeister werden oder zumindest wollte ich so weit kommen, wie es gegangen wäre. Dafür hatte ich alles gegeben und auch einiges genommen, ohne über Anabolika aufgeklärt zu werden. Auch das war vorbei.

Ich entschied mich zu studieren und lief an der Universität nur Spießrouten. Ich war frei vom Sport und doch nicht frei. Ich fand das alles ungerecht. Meine Opposition kam häufig durch und das provozierte. Nach fünf Semestern wurde ich exmatrikuliert. Später schloss ich eine Tischlerausbildung im Schnelldurchlauf ab und arbeitete darauf bei der katholischen Kirche auf Baustellen. 1980 beantragte ich meine Ausreise. Auf die Genehmigung wartete ich drei Jahre. Während der Zeit des Antrages hatte ich es dann nicht einfach, weil ich öfter zu Vernehmungen bei der Stasi antreten musste und einige Male sperrten sie mich in U-Haft für ein paar Tage. Ich hatte immer das Gefühl beobachtet zu werden und konnte mich nicht vernünftig bewegen. Sie entzogen mir sogar den Personalausweis wegen Fluchtgefahr. Ich wusste nicht, wenn es an der Tür klingelte, ob sie mich abholen. Das hatte sich über Nacht erledigt mit der Ausreise 1983 nach West Berlin.

Und dann lese ich in meiner Stasi Akte nach dem Mauerfall, daß die Staatssicherheit nicht nur vor meiner Ausreise alles über mich wußte, sondern dass sie noch bis 1987 alle Informationen über mich hatte. Dort fand ich unter anderen meinen damaligen Trainer, einen weiteren ASK Trainer der Sportmannschaft Kanu und meinen besten Freund, Hans Dieter Schnöckel. Schnöckel hatte ich in der Bautruppe der katholischen Kirche kennen gelernt. Er konnte sechs Monate vor mir nach Westberlin ausreisen. Er war als Stasi-IM tätig und verriet mich nicht nur 1980 und 83 in der DDR, sondern auch noch bis 1987 im Westen. Er wusste, was ich machte, was ich dachte. Ich erzählte ihm alles. „Hat es dir geschadet“, fragte er mich, nachdem ich ihn zur Rede gestellt hatte in den späten Neunzigern. „Du hast gar nichts verstanden. Gar nichts“, antwortete ich.

Auf den Sport und die Politik übertragen, sieht das ähnlich aus. Durch die Aufarbeitung der Enquete-Kommission in Potsdam ist heraus gekommen, dass der ehemalige Geschäftsführer des Landessportbundes, Günther Staffa (nach der Wende Präsident der Europäischen Sportakademie sowie als LSB-Vizepräsident, ab 2008 Sport-Geschäftsführer, Anm. der Redaktion), eine Stasivergangenheit als IM hat. Er steht in meinen Akten und es wurde festgestellt, dass er weitere Leute im Visier hatte und daran konnte er sich überhaupt nicht mehr erinnern. Im Mai hatten wir eine Podiumsdiskussion dazu, inwieweit der Landessportbund die DDR aufarbeitet. Ob das Stasi oder Doping ist, keiner hat Interesse daran, was aufzuarbeiten. Das funktioniert. Im Land Brandenburg ist alles möglich. Da müssen sich andere darum bemühen das aufzudecken. Von alleine kommt keiner auf die Idee. Deswegen habe ich kein Interesse mehr, mich mit dem Sport im Land Brandenburg zu beschäftigen. An wen soll ich mich wenden mit meinen Fragen? An wen in Potsdam? An meine IMs? Meinetwegen können sie als Platzwart arbeiten, aber sie sollen sich nicht im Landessportbund in führenden Positionen breit machen. Da kriegt man Schaum vor dem Mund. Ich habe kein Vertrauen zu irgendjemandem, weder zur Landesregierung noch zu dem Landessportbund in Brandenburg. Es wird immer nach Entschuldigungen gesucht und für nichts Verantwortung übernommen. Sie wollen sich feiern lassen und sich auf Veranstaltungen und Fotos mit den Medaillengewinnern schmücken, wie früher.

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Thomas Kersten, Jhg. 1953, paddelte bereits in Brandenburg a.d.H mit neun Jahren. 1967 wurde er an die Kinder- Und Jugendsportschule in der Stadt an der Havel delegiert. Der Armeesportklub (ASK) in Potsdam übernahm den aufstrebenden Kanuten sehr schnell und entließ ihn plötzlich wegen eines Westkontakts. 1983 reiste Kersten nach Westberlin aus. Nach weiteren Auslandsaufenthalten kehrte er vor zehn Jahren zurück nach Brandenburg.

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