Verdrängen, vergessen, erinnern

DDR-Sportler von Zeit Online, © BobMartin/Allsport
DDR-Sportler von Zeit Online, © BobMartin/Allsport

Der Aufdeckung von Geheimnissen folgen oft aufregende, dann abklingende Diskussionen wie nach der Doping-Enthüllung im russischen Sport. Doch die Realität liegt im Alltag und erhält sie darin kein Gehör, kann sie nicht verstanden werden. Ehemalige Athleten der DDR bemühen sich noch immer um Aufklärung, damit die Geheimniskrämerei endet.

„Die Wahrheit tut weh. Aber wie will man etwas verarbeiten, wenn man gar nicht weiß, wogegen man ankämpft“, spricht Cornelia Reichhelm gefestigt, obwohl in ihren Augen die Tränen liegen. Warum der Rücken schmerzt oder das Gehirn gelegentlich aussetzte, wusste sie lange Zeit nicht, aber sie ahnte, dass das abenteuerliche Training beim SC Dynamo Berlin begleitet worden war. Sie nannten sie ‚unterstützende Mittel‘ und verschwiegen die geheimen Wirkungen. 1974 wurden in der DDR diese Kapseln, jene Pillen und diverse Eiweißdrinks nach dem Staatsplan 14.25 flächendeckend angeordnet und getestet. Cornelia Reichhelm war 13 Jahre alt und ruderte jeden Tag gedopt. Vor 14 Jahren, mehr als zwei Dekaden später, schuf sie ein Bewusstsein. Und das tat weh, tut weh und verhindert zu vergessen.

Zudem verhindern die Jubiläen wie zum Mauerfall zu vergessen. Sie sollen erinnern an das, was jährlich erinnert wird, was in Schlaufen und Kreisen jährlich zurückkehrt. Der offenen Schranken, die Befreiung des Ostens, der Zusammenbruch der DDR, die Tränen und die Revolutionäre zirkeln als Bilder und Worte, als Fetzen der Vergangenheit durch die Medien. Die immanente Wiederholung des Vergessenen wird häufig ausgeblendet. Darin bleibt es dunkel und ignorant seit mehr als 25 Jahren und das nicht nur zu Jahrestagen.

Reichhelm ist schwerbehindert. Sie ist anerkanntes Dopingopfer, eines von rund 200, aber ihre Wahrheit wird verschwiegen. Um zu verstehen und um zu leben stellt sie Fragen und Anträge, wird daraufhin angegriffen im Freundeskreis und auf den Ämtern. „Nestbeschmutzer“ wird sie genannt, Eigenverschuldung wird ihr vorgeworfen. Sie hat über ihre Erinnerungen ein Buch geschrieben, weil kaum noch jemand antwortete und um zu sagen: „Ich habe das nicht gewusst.“ Sie hat nicht gewusst, wovon reichlich Menschen nichts wissen wollen, in der Familie nicht, im Sportbund nicht, in der Politik nicht.
Sie ist keine Ausnahme. Der Verein der Doping-Opfer-Hilfe begleitet mehr als 700 einstige Sportler. Dem DOH sitzt Ines Geipel vor. Vor einigen Monaten sprach sie über die gehörlose Öffentlichkeit und äußerte sich zum „Sadismus“ der Behörden. Stundenlang warten die Geschädigten. Reichhelm trägt eine Halskrause, ihre Wirbelsäule ist zwischen den oberen Gelenken versteift. Unter Schmerzen stand sie länger als eine Stunde auf dem Flur vor der Tür eines Büros. Stühle hatte niemand abgestellt. Sie ist Mitglied im Verein und redet bei Treffen oder Fachgesprächen über ihre Geschichte, wenn sie kann. Dabei berührt sie und beleuchtet das Verdrängte, über dem die Wolke das Schweigen legt.

Der DOH sucht seit mehr als einem halben Jahr das Gespräch mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), bat den sportlichen Dachverband zu drei Vereinsversammlungen. Dort scheint man wie Bundespräsident Joachim Gauck zu beschäftigt. Das sei Blockadepolitik, sagt Geipel, und hindere eine emanzipierte Aufarbeitung, die förderlich wäre, um beispielsweise das SED-Unrecht im Sport anzuerkennen und als Rente für die Dopingopfer in die 5. Novelle des DDR-Opfergesetzes aufzunehmen. Gegen einen Rentenantrag geht der größte Vorbehalt von der Justiz aus. „Wo liegt das juristische Problem“, fragt die Germanistik-Professoren Geipel. Neben der Rente fordert sie einen Akutfond und ein Zentrum für Doping-Geschädigte. Von mehr als 2000 Fällen könne ausgegangen werden und die Meldungen seien dem DOH bis 2004, als bis weit nach aktiver Zeit im DDR-Sport, bekannt.

„Ob das Stasi ist oder Doping. Keiner hat Interesse etwas aufzuarbeiten“, sagt Thomas Kersten aus Brandenburg. 1974 sollte er die DDR im Kanu-Zweier bei der Weltmeisterschaft repräsentieren, wurde trotz des Leistungsauftrages entlassen. Auf diese gleichgültige Entehrung folgten bittere Jahre für Kersten. Die Exmatrikulation, kurzweilige Inhaftierung, der Entzug des Personalausweises und eine Wohnungsdurchsuchung verärgerten ihn. Drei Jahre wartete er auf die Genehmigung, dann 1983 durfte er ausreisen. Nach der Wende las er seine Stasi-Akte und entdeckte Namen, die ihm später nochmals auffielen. Günter Staffa bespitzelte unter dem Namen IM ‚Schade‘ Kerstens Leben. Staffa konnte sich nicht erinnern, Studenten für das Ministerium für Staatssicherheit eingeschätzt zu haben. Der Landessportbund Brandenburg beschäftigte ihn weiterhin bis in den späten Oktober 2013 als Sport-Geschäftsführer.

Bei einer Enquete-Kommission im Mai 2014 diskutierten Kersten und Geipel auf einem Podium mit Vertretern des Sportbunds und des Sportministeriums des Landes Brandenburgs über die Situation der Dopingopfer und die Aufarbeitung. „Keiner übernimmt die Verantwortung“, stellte Kersten dabei wiederholt fest. Ähnlich wie Staffa sind weitere Menschen anpassungsfähig oder wendig und das fällt auf. „Meinetwegen können sie als Platzwart arbeiten, aber sie sollen sich nicht im Landessportbund in führenden Positionen breit machen“, meint Kersten in einem späteren Gespräch.
Ob es Opfer oder Täter sind, wird ein Fall bekannt, wird dieser als solcher genannt. Es gibt Streithähne und es gibt stille Mäuschen, die sich unter den Fallnamen artikulieren. Es gibt selten ein Gesicht und viel seltener die Geschichte dazu. Es gibt die Öffentlichkeit, die das hinnimmt oder ignoriert. Die Leser und Zuschauer sind des Wortes Doping müde, dabei steht es symbolisch für ein Verbrechen, für individuelles Leid und gegen die Würde des Menschen. Die Opfer leben mit den Nebenwirkungen. Ein Fall wird abgeheftet.

Vorhandene Stasiakten liegen der Dopingkommission zur Bewertung teilweise geschwärzt vor. Diese und weitere können an der Behörde für Stasi-Unterlagen (BStU) in Berlin eingesehen werden. Von der Antragsstellung bis zur Einsicht kann die Suche nach den Papieren mehrere Jahre dauern. Damalige Athleten kennen ihre Akten nicht, recherchieren sie ihrer Vergangenheit nicht nach. „Erst 2014 hatte ich den Mut meine Stasiakte anzufordern. Vielleicht wollte ich bis dahin gar nicht wissen, ob und wer mich wie bespitzelt hat. Ich hatte diese Niederlage von 1987 für mich einfach verdrängt“, sagt Corinna Böhm, eine ehemalige Kanutin an der Kinder- und Jugendsportschule des Armeesportklubs in Potsdam, ebenfalls aus Brandenburg. Als sie in den Erwachsenbereich nach dem Abitur paddeln wollte, wurde sie entlassen. Das sagte ihr der Cheftrainer. „Warum dieser Satz so kam, weiß ich nicht“, weiß sie noch nicht, denn für sie gibt es keine weiteren Unterlagen bis auf ein Blatt. Mittlerweile erinnert sie sich, dass die Pillen, die sie bekam, Oral-Turinabol waren. Das hätte auf der Packung gestanden, aber niemand hätte sie über dessen tatsächlichen Effekt informiert.
In der Schulkantine stand Böhm neben Udo Bayer bei der Essensausgabe. Jener DDR-Kugelstoßer dementierte den Kontakt mit Doping und entschleierte seine Verheimlichung in dem Dokumentarfilm „Einzelkämpfer“. „Über alles, was mit mir gemacht wurde, wusste ich Bescheid“, gibt er darin zu und erklärt, durch die autonome Bestimmung, auch Mittel abgelehnt zu haben, sei nichts heimlich in den Tee gekommen.

Doch zu viele der 10.000 bis 15.000 Spitzensportler des sozialistischen Staates konnten nicht entscheiden und wissen nicht, was in der Schokolade war. Sie sind nun in der Generation der über 40- und über 50-Jährigen. „Die Körper sind kaputt, die Seelen sind kaputt“, vermittelte Ines Geipel in dem Video, das auf youtube zu sehen ist. Die Situation ist „grausam“ für die Opfer. Die Todesliste der älteren Generation wird länger, kürzlich um den Gewichtheber Gerd Bonk. Es hilft nicht wegzusehen und abzuwarten. Reichhelm möchte in Würde altern und möchte dies für alle Opfer, deren Geschichten in Akten liegen oder vernichtet worden sind. Gehör und nicht Gedenken ist dafür nötig. „Die Athleten müssen raus kommen und an die Öffentlichkeit gehen“, fordert sie.

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