„Ich bin immer ein Vermittler gewesen und werde es bleiben“

Sinan-IV

Wie beschreibt ein deutsch-armenisch-türkischer Musiker die Ermordung der Armenier von 1915? Durch Marc Sinan flossen die Worte, er formulierte und formte ein musiktheatralisches Stück. „Komitas“ wurde eine Woche nach dem 100. Jahrestag noch einmal im Radialsystem (Berlin) aufgeführt. Sinan schickte die Worte „frei“ und „kathartischen“ für den Abend voraus.

Buuum. Buuum. Die Projektion im Hintergrund zeigt eine sitzende Frau, die Gräser wackeln mit leichten Böen, das Wasser schwappt gen Ufer. Buuum. Der tiefe Paukenschlag breitet sich im Boden aus, in die Füße, die Beine hinauf. So beginnt die Inszenierung von „Komitas“. Und so ähnlichen endet sie. Grüne Halme wehen, dahinter verschwommen braune, karge Berge und der Himmel. Buuum. Der letzte Ton. „Das Ende einer sehr langen und intensiven Periode“ bedeute die letzte Aufführung, sagt der Komponist und Gitarrist Marc Sinan zum Publikum, gewidmet der angeblich wichtigsten Figur in der armenischen Volksmusik, Komitas Vardapet, und dem Gedenken an die vertriebenen und getöteten 1,5 Millionen Menschen.

Was und wie laut musste der 1935 verstorbene Musiker Komitas Vardapet rufen, um durch Sie nun Gehör zu finden?
2007 war ein Schlüsseldatum durch die Ermordung des Journalisten Hrant Dink. Da wurde mir klar, dass man heute noch sein Armeniersein mit dem Leben bezahlen kann in der Türkei, wenn man entsprechend Position bezieht. Mit der öffentlichen Ermordung wurde ein blinder Fleck in der türkischen Geschichte sichtbar.

Was hatte das mit Komitas zu tun?
Ich merkte, dass ich mich intensiver damit beschäftigen wollte erst einmal über traditionelle Musik. Wenn man das tut, stolpert man über Komitas, den ich vorher zwar kannte, aber noch nicht so intensiv wahrgenommen hatte – schon gar nicht im Kontext des Genozids.

Komitas war Mönch. Sie besuchten viele Kirchen vom Schwarzen Meer bis nach Jerewan. Wie kamen Sie ihm dabei nah?
Diese Räume der Kirchen sind Orte mit einer ganz starken Energie und sie waren Tempel armenischer Kultur gewesen und noch vor 100 Jahren lebendig. Was hat da vor 100 Jahren stattgefunden? Die Musik der Armenier, die Musik von Komitas.

Leise ist es nach einer Zuspitzung. In der Kirche sucht sie nach einem Ausweg und hält sich an einer bröckeligen Wand fest. Sie kommen. Sie sind nahe. Es wird lauter. In der Kirche liegen Schatten wie ein Gitter auf der sandsteinfarbigen Fassade. Wahrscheinlich waren dort einst Fenster. Die Posaune ist erschreckend laut. Angst. Gitarre, Klarinette, Querflöte und Violine machen die Panik begreifbar. Flucht. Ausweglos.

Konnten Sie herausfinden, ob Komitas tatsächlich in den Kirchen gesungen, gepredigt oder sie besucht hatte?
Es gibt eine Kirche, von dem man vermuten kann, dass Komitas dort gewesen ist: das Kloster Kaymakli Manastiri bei Trabzon. 1915 waren dort 30.000 Armenier im Rahmen der Deportationen festgesetzt worden. Komitas hatte seinen Komponisten-Kollegen Krikor Suni 1906 dort besucht. Nachdem es das Trabzoner Kloster war, ist davon auszugehen, dass der Mönch Komitas es besucht haben könnte.

Eine Kirche zwischen bunten Häusern. Der Eingang schwarz. Die Kamera penetriert den Raum, in dem alles schwarz ist. Dann ist es rot. Feuer? Tötungen? Das bleibt dem Gefühl der Musik überlassen. Was zeigt sich in ihr? Qual, Leid, Schmerz, trommelnde Füße und die Schreie vieler.

Er sammelte viele traditionellen Lieder, reiste dafür, recherchierte. Fühlen Sie sich darin mit ihm verbunden?
Es ist eine gewisse Parallele. Die Motivation Komitas war von einem großes Sehnsuchtsmoment getrieben. Er ist als türkisch sprechender Armenier erzogen worden. Per Gesetz war es im Osmanischen Reich erlaubt, jedem der armenisch sprach, die Zunge abzuschneiden. Als Waisenkind hat er im Kloster Etschmiadsin durch Lieder zur armenischen Sprache und in ihnen seine Heimat gefunden.

Ein Mann singt. Lang gezogene Vokale. Wie von altem, gekratztem Vinyl bleibt seine Stimme gebrochen und verschwindet hinter den Instrumenten, die eine karge, bergige Landschaft vertonen.

Er gewann etwas, nachdem ihm die eigene Kultur vorenthalten wurde und er seine Eltern verloren hatte.
Er hatte seine Eltern verloren, er hatte seine Heimat wiedergefunden über die Musik und hatte später tausende Lieder gesammelt. 1915 ist alles zerstört worden. Der Verlust dieser Lieder und der armenischen Kultur bedeutete für ihn den Verlust seiner Heimat, seiner realen Existenz. So erkläre ich mir sein Trauma.

Die Kamera schwenkt an Bergen vorbei und verharrt dann. Sie steht dort auf sandiger Höhe. Sonst ist dort nichts und niemand. Alles und alle sind verschwunden. Sie geht und geht und geht, entfernt sich vom Beobachter. Dysharmonisch folgen ihr schrille Töne, die sich immer wieder zusammenfinden. Sie spielen nicht miteinander, sie spielen füreinander, fern, in der Ferne zueinander kommunizierend, sich ergänzend. Wer die Augen schließt, den Raum wahrnimmt, kann hören, dass sie das Gleiche beschreiben. Fort. Bald entgeht sie dem Sehfeld.

War das der spannende Aspekt für Sie, Komitas als Protagonisten zu nutzen?
Wenn jemand durch die Deportation so schwer traumatisiert wird, dass er seine ganze Lebenskraft verliert, stellt sich die Frage, was da passiert ist. Die Spekulation darüber bildet eine komplexe Projektionsfläche und kann wahnsinnig viel anstoßen an Empathie.

Inwiefern tangiert Sie das auf Ihrer eigenen Reise?
Der Genozid ist ein Thema, das mich mein Leben lang begleitet hat. Es ist mir in den letzten Jahren erst bewusst geworden, wie stark sich das auf eine Familie auswirkt, wenn man ein Mitglied hat, das vor zwei Generationen schwer traumatisiert worden ist.

Im Wasser liegen Bruchstücke eines Spiegels. Sie sieht in das Wasser, sieht in die Sscherben, erkennt die Schritte, geht in das Wasser, immer tiefer, bis ihr Haare auf der gering gewellten Oberfläche liegen. Dann verschwindet alles. Blasen und Kringel weiten sich und werden still. Nichts mehr. Wieder wird es leiser.

Was hat das bei Ihnen bewirkt?
Erst muss man verstehen lernen. Warum funktioniere ich in bestimmten Situationen so und nicht anders, warum fühle ich auf eine bestimmte Art? Ich bin ein Anderer, weil meine armenische Großmutter diese Vorgeschichte hat. Wenn ich mich damit beschäftige, kann ich mich fragen, ob in mir eine irrwitzige Phantasie oder eine merkwürdige Wohlstandprojektion abläuft oder ob ich das festmachen kann. Und eines Tages stellt man fest: das Trauma einer Generation setzt sich im Erbgut der nächsten fest. Heute bestätigt das die Epigenetik. Ich kann diese Erkenntnis für mich haben und das multiplizieren: was bedeutet das für die Gemeinschaft der Nachkommen der Traumatisierten?

Warum müssen Sie das multiplizieren?
Es interessiert mich, weil es eine substantielle gesellschaftliche Implikation hat. Wenn ich mich mit der Geschichte meiner Vorfahren – Opfer oder Täter – beschäftige, lebe ich in einer anderen Gesellschaft, als wenn ich es nicht tue. Konkret gesagt, das Trauma, das vererbt worden ist, ist mit Ängsten, mit Depressionen, mit Melancholie verbunden. Wenn ich das auf die Gesellschaft multipliziere, muss daraus folgen, dass in einer Gesellschaft, die sich ihrer Vergangenheit nicht stellt Angst und Depression eine größere Rolle spielen als in einer Gesellschaft, in der das bewältigt worden ist.

Graue Wolken hängen über verschleierten Bergketten. Das flache Land, das sich leicht zu den Bergen hin erhebt ist arm und einsam. Doch dann fliegt ein Vogel quer hinüber. Ein weiterer folgt nicht lange darauf. Sinans Stirn liegt in Falten, während er darauf achtet mit seinen längeren Fingernägeln die Saiten richtig zu spielen. Würde ein „Fehler“ auffallen? Wohl kaum. Die Posaune und die Klarinette folgen verzerrt, verzögert. Ein Schwarm, wo keiner ist. Eine Gemeinschaft, wo keine ist.

Ein Teil Ihres Herzens schlägt türkisch. Wie können Sie das auf die türkische Gesellschaft übertragen?
In der Türkei sehen wir in eine Gesellschaft, in der die Bevölkerung in Geiselhaft gehalten wird, dieses Trauma nicht zu bewältigen, weil man ihr vorgaukelt, der Genozid habe nicht stattgefunden. Dabei ist augenfällig, dass in einer Region 2,1 Millionen Armenier gelebt haben und heute nicht mehr da sind. Die Häuser sind zerstört, die Lieder sind fort, die Nachkommen sind nicht da.

Wie könnte die Aufarbeitung aussehen? Es dürfte mit einer Entschuldigung beginnen.
Die Entschuldigung muss weiter eingefordert werden. Sie muss unbedingt und in vollem Ausmaße passieren. Aus der deutschen Bewältigung des Holocaust kann man jedoch zwei Dinge lernen. Zum Einen: Es ist für eine Gesellschaft irrsinnig befreiend, sich seiner eigenen Verantwortung, seiner eigenen Schuld zu stellen. Zum Anderen: Es verschafft den Opfern nur bedingt Erleichterung. Das ist letztlich mein Appell an beide Seiten: Verantwortung für die eigene Zukunft zu übernehmen. Die muss leider unabhängig von dem jeweils anderen funktionieren.

Warum schafft eine Entschuldigung nur eine geringfügige Erleichterung?
Ich fürchte, am Ende des Tages müssen die Opfer ihren eigenen Weg zur Gesundung finden.

Wie können Sie das als Multiplikator erreichen?
Die Reise in das ehemalige West-Armenien ist ein Gefäß für unsere eigenen kathartischen Erfahrungen, die wir über die Mechanismen der Aufführungen vermitteln. Das sind dann sicherlich sehr subjektive Erfahrungen, die sich beim Publikum einstellen. Die Idee dahinter ist, dass alles, was wir als Künstler in Form bringen eine Art kollektives Gedächtnis bildet, festgehalten in Schrift, in Stein, in Tönen das vom Publikum bewusst oder unbewusst entschlüsselt wird.

Erkennen Sie Vorteile darin, dass die Diaspora-Armenier über den Globus verteilt leben, um dieses kollektive Gedächtnis bewusst zu machen?
Menschen, die geflohen sind, und deren Nachkommen haben einen Heimatverlust erlitten. Dass ihr Wissen verstreut ist, ist eine schwere Hypothek für eine Kultur mit so reicher Geschichte. Die Frage ist, ob Kultur, die so verstreut ist, nicht dem Verlorengehen ausgesetzt ist. Daher kommt sicherlich das Bedürfnis, mich dieser Musik anzunehmen und die wiederzufinden.

Und zu erhalten. Es gibt Diaspora-Armenier, die zu Feiertagen in das Land ihrer Herkunft reisen. Die tanken die Kultur auf und nehmen sie dann wieder mit in die andere Nation. Sie machen das ähnlich, vermischen die musikalischen Kulturen jedoch sehr stark.
Das entspricht meiner Natur. Ich bin jemand, der sich aus den verschiedenen Kulturen speist. Ich bin immer ein Vermittler gewesen und werde es bleiben. Wenn ich musikalisch arbeite, treffen die Leute fast ausnahmslos aus unterschiedlichen Genres aufeinander. Das ist eines meiner Lebensprinzipien, dass ich Unvereinbares miteinander verbinde.

Unvereinbar scheint die Flüchtlingssituation. Menschen flüchten über Meere und Land. Mehr als 51 Millionen waren es 2013. Welche Parallelen zeigen sich Ihnen bei den Bildern von heute zu dem, was damals passiert war?
In Nordsyrien und im Irak haben wir eine Wiederholung der Geschichte ganz konkret darin, dass der IS in der gleichen Region, in der der Genozid geherrscht hat, heute wieder ethnische Säuberungen vornimmt. Es betrifft die Jesiden und Andersgläubigen, vor allem die Sunniten in dieser Region. Wie ein perverser Reim auf die Geschichte sind dort eben die Armenier, die 1915 überlebt hatten, zum sunnitischen Glauben zwangskonvertiert worden.

Worin sehen Sie die Lösung für diese unvereinbare Situation?
Die Geschichte wiederholt sich so wie die Haltung des Westens dazu, und wir müssen uns als Bürger inkludieren. Wie 1915 ist es ein hilfloses Zusehen. 1915 aus strategischen Erwägungen, heute aus wirtschaftlichen. Was wir verursachen ist eine Spirale von Trauma und Gewalt, die sich immer weiter fortsetzt, bis sie durchbrochen werden kann. Wir tun aber im Moment überhaupt nichts dafür, sie zu durchbrechen. Das ist der eine Aspekt.

Und der andere Aspekt?
Es ist wichtig die Flüchtlinge zu vermenschlichen, weil die Art und Weise, wie man sie in Deutschland wahrnimmt, etwas hochgradig Entmenschlichtes hat. Man sieht eine Masse von Menschen meist anderer Hautfarbe oder anderer Ethnien, die in Fluchtbewegungen nach Europa kommen wollen und in der kollektiven Wahrnehmung unseren Wohlstand gefährden. Doch das sind Menschen, die ein genauso differenziertes und soziales Leben geführt haben, wie wir das tun und wie wir uns das wünschen.

Ist das eine Frage der Darstellung oder der Begrifflichkeit?
Das fängt mit dem Begriff des Wirtschaftsflüchtlings an. Wir vermuten nicht, dass es sich um Menschen mit persönlichem Schicksal handelt, deren Lebensläufe unseren näher sind, als wir uns vorstellen können. Das ist alles irrsinnig abstrakt. Und man muss genau diese Schwelle der Abstraktion durchbrechen, um zu verstehen, dass es um persönliche Leiderfahrungen geht, die jemandem wie Ihnen oder mir von heute auf morgen zustoßen könnten. Zu verstehen, was es bedeuten muss alles, was wir uns in unserer Lebenszeit erarbeitet haben, fallen zu lassen, und um unser Leben zu laufen.

Emotionen ermöglichen dies. Ist das der Grund, warum Sie sich Einzelschicksale für Ihre Projekte suchen?
Das funktioniert nur so. Ich glaube, dass Empathie nur über das Persönliche funktioniert. Deshalb suchte ich für die letzten zwei Projekte exemplarische Figuren, die den Mechanismus veranschaulichen.

Wie würde es Ihnen gehen, wenn sie nach Hause kämen und all ihr Werk, all ihr Besitz wäre vernichtet? Alles weg.
Das ist schwierig zu beantworten. Die einzige Lösung, die ich sehe, ist sich von der Bedeutung des Materiellen zu lösen und das Leben als den Wimpernschlag der Geschichte wahrzunehmen, der es in Wahrheit ist. Dann bleibt nur das eigene Leben, das der Kinder, das der Familie übrig.

Sie läuft aus der Kirche in weißes Licht und verschmilzt damit. Im nächsten Bild steht sie auf einem Felsen vor der Kirche, die auf einem Hügel sitzt. Der Wind weht das Haar aus ihrem Gesicht. Sie sieht in die Weite, sieht über die Kämme und Täler, durch die die Armenier zogen. Keine Spur. Im Wasser liegt sie tot, zwei Blumen schwimmen neben ihr. Die Gitarrenklänge enden. Die Pauke brummt. Der letzte Ton. Bis in das Herz.

Advertisements