Im Angesicht mit der Aufregung

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Was macht uns zu dem, was wir sind – Anhänger einer Faszination? Der Ball, die Reuse, das Brett, das Parkett, die quietschenden Schuhe, die Spieler, die Trainer, das Spiel, die Halle, die Hallenansagen und die Musik . Als Worte klingt das langweilig faktisch. Doch als Kopplung mit unseren Erfahrungen und Gefühlen, erfasst diese Aufzählung das Herz. Ein Kribbeln durchzuckt den Körper. Bald ist es wieder soweit. Morgen, übermorgen oder in einer Woche. Und dann wächst die Faszination über sich hinaus.

Vor mehr als einem Jahr war auf 3meter5 ein Artikel über Fans zu lesen. Zu Fans gibt es kein geschriebenes Ende. Ein sozialer Forschungszweig ist sehr daran interessiert, die Fans zu verstehen, in Kategorien einzuteilen und ihnen Markierungen anzuheften. Hier kommt der Ultra, da der Tourist. Weit ab von Fachsprache und analytischen Gehirnwindungen, gibt es elektrisch unaussprechbare Reize in den Körpern der Zuschauer. Empfindungen, Emotionen. Was bewegt uns, Fans, Zuschauer, Begeisterte, Spieler, Journalisten, tatsächlich?

In spirituellen Annahmen sind die Emotionen das, was wir sind. Sie sind das wahre Jetzt, auch wenn sie künstlich erzeugt sind wie durch ein Spiel, ein Team, einen Sport, an den wir unser Herz und unsere Identität binden. Emotionen bringen uns zu uns und in den Moment. Das sind wir. Das ist fast schon ein meditativer Aspekt, der den all-umfassenden Moment in der Gegenwart beschreibt. Wir lachen, weinen, schreien, brüllen, grummeln, leiden mit dem Spiel und seinen Akteuren. Ihre Lage, ihre Emotionen schwingen zu uns hinüber. Sie sind das starke WIR. Und die Gegner sind die Anderen. Und weil es diese Splittung gibt und unsere soziale Identität sehr stark an etwas wie einem Team oder einzelnen Spielern hängt, ist der Aspekt doch nicht meditativ, ist er das Gegenteil. Er ist äußerlich, er ist Fülle statt Leere.

Verdichtet wabern die Emotionen durch die Halle und setzten Wellen aus Stimmen oder Händen in Gang. Alles wird rausgerufen und rausgelassen bis zur letzten Sekunde; der Alltag, die Sorgen werden auf das projiziert, was dort auf dem Spielfeld geschieht. Wir sind Resonanz und in Ekstase. Das ist kurzfristig heilsam: Das Publikum entlädt seine gesammelte Aggression, seine Freude, seine versteckte Gewaltbereitschaft und seine Gerechtigkeitssuche, seine Qual, seinen Frust und seinen Stress, als hätte es sie aufsparen wollen. Symbiontisch ist das: Einzelne gehen auf in dem Ganzen und nehmen die Farbe der Umwelt an wie ein Chamäleon; der lautstarke gelbe Hessenkessel aus einer Stimme befeuert die Spieler. „Sie brauchen das als emotionalen Heißmacher für das Publikum und für sich selbst“, sagte ein Fernseh-Kommentator nach einem erfolgreichen Dreier im EM-Spiel der Deutschen gegen die Türkei.

All das ist bis zu einer unsichtbar vereinbarten und bis zu einer sichtbar aufgestellten Grenze möglich. Und das war nicht nur in Berlin 2015 so. Das war in den anderen Vorrunden-Städten der Europameisterschaft, in Zagreb, in Riga, in Montpellier, so. Das war später in Lille so. Das ist zu jeder EM so, zu jeder WM, zu jedem Eurocup und zu jeder EuroChallenge, zu jedem Bundesliga- oder Oberliga-Spiel. Das ist um das Parkett so wie es um den Rasen oder um eine Bühne ist. Das Gefühl von Leben. Das Gefühl davon, Teil von etwas zu sein – eines Vereins, eines Teams, einer Fangemeinde bis hin zu einem historischen Kollektiv-Ereignis. Das Gefühl, dieses Teilsein fühlen zu dürfen in all seinen Facetten. Wir pilgern zu einer Spielstätte – die Spieler, die Journalisten, die Zuseher, die Anhänger. In dem Haus passiert etwas, das alle vereint, obwohl sie meinen getrennt zu sein. Ein Sog der Masse entsteht für das eine Ziel. Und weil es in allen Häusern passiert, weil in allen Häusern zwei Mannschaften antreten und Emotionen erzeugen allein durch ihre Rivalität, die Konkurrenz, das Spielgeschehen und die Charaktere der Spieler, ist es überall gleich, sind wir überall gleich. Wir erbrechen unsere subjektiven Empfindungen unter einem Dach, wo sie zusammengeführt einen Brei ergeben. Wir sind Leben. Wir sind Emotionen. Das ist die universelle Sprache.

Warum ist das so?

Empathie und Katharsis drängen sich als theoretische Idiome auf. Wie jetzt, wollen wir wirklich den mystischen Mantel lüften, die Magie entzaubern? Ja. Darunter stecken einfache Mechanismen.

Am Anfang ist das Ich. Ich bin, weil ich bin. So liegt, wiegt und krabbelt der Mensch ins Leben. Er hat Bedürfnisse und Gefühle. Er drückt sie über Laute aus. Dann kommt das Wort. Und alles wird rational. Eine Konstruktion, sagen die Konstruktivisten. Alles, was ich nun erfahre, ist davon geprägt. Das ist biologisch und psychologisch. Wie heißt etwas und wie ist es zu beschreiben? Dafür benutzen wir die Sprache, Symbole, Codes aus dem Potpourri, in dem wir gedeihen. Wir werden Teil davon. Wie sehr rücken dabei die Wörter als Ausdruck in den Mechanismus unseres Seins? Für alles suchen wir Wörter, die aneinandergereiht etwas wiedergeben sollen, was oftmals simultan abläuft oder nicht mit Wörtern zu erklären ist. Doch wir suchen nach Wörtern, wollen uns mitteilen, austauschen, verbinden, aus uns heraustreten.

Sprache ist nicht alles und entfernt uns öfter als sie uns vereint

Schweigen ist Vertrauen. Die Stille zwischen Menschen sagt alles und ist in fernöstlichen Ländern ein Gut, das Gold. Die Sprache hängt den Gedanken und Gefühlen hinterher, sie holt das Innere nach außen. Sie sagt, ich freue mich. Sie sagt, lass mich in Ruhe und sagt nicht, ich bin genervt, gestresst und verärgert, frustriert, enttäuscht, traurig. Sie ist nicht das „Uah“ oder der Freudenschrei. In der Halle meckert sie auf den Schiedsrichter, empört sich über Entscheidungen und den verlegten Korbleger. Doch viel schöner klatscht, lacht und schreit es sich, wenn in der letzten Sekunde das Spiel zum eigenen Vorteil entschieden wird. Ohne Worte. Jubel und Erleichterung. Auf den Trommeln tobt das Leben.

Indigene Völker trommeln in einem leicht variierenden Rhythmus, so dass sie trance-taumelnd einen höheren Bewusstseinszustand erreichen. Dort sind sie innerhalb und außerhalb ihres Körpers und fühlen sie sich verbunden mit Geistern, die sie riefen.

Wer kennt sie nicht, die Ekstase, das aus sich Heraustreten und verbunden fühlen? Das funktioniert kaum über Sprache. In unser hiesigen Lebensform auch nicht über Geister. Das funktioniert oft über Anpassung, bis die gleiche Welle zwei, drei, vier und mehr erfasst. Das funktioniert über Imitation. Ich kopiere dich, dein Lachen, deine Geste, vielleicht auch deine Wörter, die Betonung dieser oder dein Gähnen und plötzlich fühle ich mich wie du oder mit dir. Das ist der Chamäleon-Effekt. Wenn du klatscht und dich zum Rhythmus des Spiels bewegst, deine Stimme auf dieser Frequenz positiven, wertschätzenden Gesang produziert, wenn ich einstimme, mit dir atme, bin auch ich das, dann gehöre ich zu dir, wir gehören zu all denen und treiben die Spieler an. Ich fühle mit dir, wir fühlen gemeinsam. Wir singen vernichtende Worte, um den Gegner zu beeinflussen, ihn mit dem Team zu bekämpfen. Wir sind aggressiv. Wir können leiden am Ende eines Kampfes. Das ist Mitleid – die ganze Zeit über. Das funktioniert über Empathie, dem Mitgefühl. Die Energie fließt und wir sind aufmerksam dabei von der Fußsohle bis zum Scheitel.

Musik und Sound in Ohr und Körper lassen uns gemeinsam fühlen

Der Tanz und der Gesang der Maori aus Neuseeland stellt noch vor einem Kampf solch eine Stimmung her. Der Haka. Die Krieger laden die Ahnen ein, ihnen zu helfen. Sie schreien, „Te Waka! Te Waka!“ – „Hier bin ich! Hier bin ich!“ und schlagen sich dabei auf die Brust, die Beine, das Gesäß, die Ellenbogen; sie ziehen die bösesten Gesichter aus der Tiefe ihrer Wurzeln, ihre Blicke senden Blitze des Himmels. Sie füllen die Lungen und das Herz mit Mana. Mehreren Quellen zufolge konnten so Kämpfe verhindert werden. Der Tanz ist ein machvolles Spiel zwischen Stämmen. Bei den All Blacks stampfen und rufen sie anders. Die jüngste Variante „Kapa o Pango“ wurde erstmals 2006 aufgeführt. „Ka tū te wanawana“, rufen sie unter anderem: „Unsere Überlegenheit wird triumphieren“. Die Zuschauer klingen ein, nehmen die Kampfbereitschaft auf und entladen sie in einem Rugby-Spiel. Hier ruft Leben, hier wird Lebendigkeit durch Gemeinschaft angerufen.

Herrmann Hesses Steppenwolf beginnt zu leben, als er sich einer Welt aus Emotionen und Freude hingibt, einem Zirkus, einer verrückten Gesellschaft, die ihn lehrt zu lieben, zu tanzen und der Musik zu folgen. All das ist Herz, Lunge, das grüne Chakra, die Mitte, in der Erde und Himmel zusammenfinden. Und das ist in uns. Dafür benötigen wir die Gruppe, ein Kollektiv, ein Ereignis, eine Veranstaltung, wenn wir nicht andere Mittel nutzen oder wenn wir nicht frei sein können. Das wirkt wie eine Droge, wie die Trommel-Trance. Wir wissen, was wir kriegen. Darum pilgern wir.

Wir finden die gleichgesinnte Masse. Dieser ist übergeordnet das große Ganze, in das nicht mehr alle passen, weil sie sich einem weniger großen Ganzen zugehörig fühlen. Basketball, dem Team. Einer Nation, dem Sport. Wir und die Anderen heißt es dann. Ich von hier und Du von da. Wir grenzen uns ab und ein, um eine indifferente Gruppe zu erleben. Gegen die Anderen können wir unsere Boshaftigkeit schreien, ihnen die gemeinsten Stereotype andichten, solange wir die Guten sind. Wir konstruieren in einem Konstrukt per Excellence und sind dabei hin und wieder kreativ. Wir rufen „Dirk“ und „Dirkules“. Da ist unser Held und er führt uns an. Er versagt nicht, es sind die Anderen. Dem Einen die Messe, dem Anderen das Event.

Der BBL-Trainer des Jahres 2005, Stefan Koch, sagte einmal: „Ich bin Purist.“ Dann ergänzte er, er vermisse das Spiel, als es nur um das Spiel ging. Er meint, als das Spiel das einzige regeldurchzogene Konstrukt war, als es kein Event war, als es weniger um wir oder die anderen ging. Als (journalistischer) Beobachter, der Koch abseits seiner Trainerschaft ist, kennt er keine Zugehörigkeit. Er nimmt wahr die Faszination des Spiels. Er lässt sich begeistern.

Oftmals passen wir uns an größere Formen an. Es kann sein, dass unsere Identität das Kleine oder Haftende nicht benötigt. Das Große kann wachsen. Es kann etwas Geschaffenes sein, dem wir uns nicht entziehen wollen; es kann uns manipulieren durch bewusst genutzte Symbole und Symphonien der Gefühle. Es kann uns auch intellektuell stimulieren. Wir genießen das, wir lechzen danach. Es kann aber auch das ganz Große sein, das Unendliche, das frei ist und uns befreit. Dann ist alles eins, eine zufriedene Glückseligkeit. Das ist der Moment der Klarheit, wenn die Gegner aus der Halle flüchten, ihre Fans einpacken und wir nur noch uns erleben. Das ist das Eine, die Erlösung. Alles schwingt gleich, der dicke Brei ist nun klares, stilles Wasser und wir sind darin abgetaucht. Hier ist alles gut und sicher.

Warum brauchen wir diese Momente?

Der Haka zieht nicht nur Mana, Kraft, in den Körper, er ist auch Präsenz, Schönheit und Reinigung. Nach der Trance fühlt sich ein Trommler befreit. Alle haben sie ihre Kraft in ihren rituell herbeigeführten Emotionen erlebt, etwas verarbeitet, etwas in die Welt, ins Universum geschickt. Körper und Geist haben sich befreit. Das ist die Katharsis, ein Selbstheilungsprozess. Das ist heilig und wichtig. Wenn wir im Alltag die Aufregung vermissen und uns der gefühlsunbetonten Monotonie unterwerfen, sind diese spannenden Augenblicke das Knistern, das Prickeln, der Schub, die Verve. Wir reinigen uns von dem Job, der Schule, dem Muss, der Lethargie, wir blicken nach vorn, gucken uns etwas ab, sind inspiriert und integrieren Teile dieser Spannung in unser Leben.

Es geht um den Menschen selbst, der unten auf dem Parkett und neben sich Gleichgesinnte findet – ohne Worte. Der Mensch lebt und reinigt sich, hat eine Identität und kann trotzdem einfach sein, muss nichts tun.

Die Halle der Gleichgesinnten ist im kathartischen Moment – der Kosmos wird eins. Einfach mal hinhören und in sich hinein hören, die Augen schließen, wenn die Rufe und der Gesang blühen im Herzen. Es ist die Kraft des Mitfühlens und die Macht der Masse. Wie gemeinsam fühlt man sich und wie integriert und teilhabend, wenn man einstimmt, wie frei, wenn alles vorbei ist.

Eine Hommage an die gefühlte Wahrheit.

anbei: vier Interviews mit Fans und Zuschauern vor einem EM-Spiel im Sommer 2015 -> klick

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